Das Wesen von Mensch und Tier verstehen
Gesundheit entsteht, wenn wir Zusammenhänge erkennen.

Wer Zusammenhänge erkennt, beginnt Gesundheit neu zu verstehen.


In diesem Blog schreibe ich über den Organismus des Hundes, über Regulation, Verhalten und Konstitution sowie über die Wechselwirkungen, die im Zusammenleben von Mensch und Tier entstehen. 

Die Beiträge verbinden Erfahrungen aus meiner Praxis mit einem Blick auf das Ganze – denn vieles erschließt sich erst, wenn wir aufhören, Symptome isoliert zu betrachten.


Blog / Wissen

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12. August 2026


Was uns Tiere über uns selbst zeigen
Seit Elsa da ist, sehe ich Honey noch einmal mit anderen Augen




Das hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Ich kenne Honey seit vielen Jahren, kenne ihre Eigenheiten, ihre Stärken und natürlich auch ihre kleinen Macken, und trotzdem habe ich jetzt durch Elsa Qualitäten an ihr entdeckt, die mir vorher so gar nicht in dieser Deutlichkeit aufgefallen sind.

Als ich noch Eloi und Honey zusammen hatte, war mein Blick sehr stark auf Eloi gerichtet. Zum einen, weil er mit anderen Hunden so unverträglich war und dadurch vieles in unserem Alltag um ihn herum organisiert wurde, und später natürlich auch durch seine Krankheit. Eloi war immer schnell, immer bereit, immer mitten im Geschehen. Wenn irgendwo etwas passierte, war er da, und genau dieses „Los, wir machen was“ habe ich so an ihm geliebt.

Honey war ganz anders. Sie war schon immer unkompliziert, sie nahm sich ihren Raum und sie hatte diese ruhige, eher abwartende Art. Ich habe das durchaus gesehen und auch gewusst, dass das ihre Qualität ist. Aber wenn ich ehrlich bin, hat mich Elois Art einfach viel stärker angesprochen. Dieses Schnelle, dieses „Wir machen jetzt was“, diese Bereitschaft, für alles zu haben zu sein und an allem sofort Spaß zu haben – das lag mir einfach mehr.
Bei Honey war vieles langsamer. Sie hat erst einmal geschaut, hat sich Zeit gelassen und manchmal hatte ich den Eindruck: Darüber muss ich jetzt erst einmal nachdenken. Und obwohl ich auch das an ihr kannte, habe ich damals nicht erkannt, wie wertvoll genau diese Qualität für mich selbst sein könnte.





Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem meine Geschichte mit Honey und Elsa eigentlich beginnt.

Nach Elois Tod hat sich mein Blick auf Honey noch einmal verändert. Plötzlich war da nur noch sie, und ich hatte zunächst das Gefühl, dass sie jetzt meine volle Aufmerksamkeit braucht. Gleichzeitig nahm ich ihr Wesen noch einmal viel bewusster wahr und merkte, wie sehr ich diese unkomplizierte, eigenständige Art eigentlich schätze. Sie braucht nicht ständig etwas von mir, sie kann ihren eigenen Raum einnehmen und ist dabei trotzdem so eng mit mir verbunden.

Und irgendwann dachte ich: Genau so einen Hund wünsche ich mir eigentlich auch wieder für die Zukunft. Einen Hund, der eigenständig ist, der seinen eigenen Raum braucht, der nicht bei jeder Gelegenheit etwas von mir möchte und der trotzdem eine enge Verbindung zu mir hat. Einen Hund, mit dem das Leben einfach sein darf.

Gleichzeitig war mir bewusst, dass Honey inzwischen fast vierzehn Jahre alt war und der Gedanke, ihr in diesem Alter noch einen Welpen vor die Nase zu setzen, hat mich lange beschäftigt. Ich wollte ihr keinen Stress zumuten und habe deshalb einige Monate mit dieser Entscheidung gerungen. Denn eines wusste ich ziemlich schnell – ich möchte wieder einen Australian Cattledog.

Und irgendwann kam noch ein anderer Gedanke dazu. Wenn ich tatsächlich wieder einen Welpen zu mir nehmen würde, dann wäre Honey vielleicht genau das, was so ein junger Hund brauchen könnte. Nicht, weil sie ihm ständig etwas beibringen müsste, sondern einfach, weil ein Welpe durch das Zusammenleben mit ihr etwas lernen würde, was man ihm gar nicht bewusst beibringen kann.
Er würde erleben, dass man seinen eigenen Raum haben darf. Dass man nicht immer sofort reagieren muss. Dass man beobachten kann, bevor man handelt. Dass Nähe und Eigenständigkeit wunderbar nebeneinander bestehen können.


Und so kam Elsa zu uns.




Ich dachte damals, ich würde Honey damit vielleicht noch einmal eine Aufgabe geben und Elsa würde von Honey profitieren.

Aber dass Elsa mir helfen würde, Honey noch einmal ganz neu zu sehen, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Und jetzt erlebe ich Honey wieder in dieser Rolle, die sie eigentlich schon bei Eloi hatte. Sie war schon immer gerne eine Supernanny.
Sie hat Elsa im Blick, korrigiert sie, maßregelt sie, zeigt ihr, was geht und was nicht geht. Und manchmal ist sie dabei selbst ein bisschen übermotiviert und muss von mir daran erinnert werden, dass Elsa auch einfach mal ihr Ding machen darf.



Diese Rolle hatte Honey auch bei Eloi - nur konnte Eloi damit überhaupt nicht umgehen. Er hat es gehasst, wenn ein anderer Hund ihn maßregelte. Das war überhaupt eines seiner großen Themen mit anderen Hunden. Schon als Welpe hatte er gelernt, sich gegen solche Korrekturen zu wehren, und vom ersten Tag an ließ er sich von niemandem etwas sagen. Sobald ein anderer Hund ihn begrenzen wollte, ging er in Widerstand.

Und so schaukelten Honey und Eloi sich auch gerne mal gegenseitig hoch. Honey wurde deutlicher, Eloi wurde heftiger, Honey legte noch einmal nach – und irgendwann musste ich dazwischengehen. Es war manchmal wirklich ein bisschen wie Kindergarten.

Bei Elsa ist das vollkommen anders. Honey korrigiert sie, manchmal mehrmals am Tag, und Elsa nimmt das einfach an. Sie findet Honey deswegen nicht doof, sie zieht sich nicht zurück und sie macht auch nicht plötzlich alles so, wie Honey es möchte. Sie nimmt die Information auf und macht danach trotzdem ihr eigenes Ding.

Und genau das hat mir plötzlich etwas an Honey gezeigt, was ich vorher so nicht gesehen hatte.
Denn plötzlich konnte ich hinter diesem Kontrollieren noch etwas anderes sehen. Honey ist unglaublich aufmerksam. Sie nimmt wahr, was um sie herum passiert. Sie hat Elsa ständig im Blick und scheint genau zu wissen, wann sie eingreifen möchte. Sie setzt Grenzen, sie übernimmt Verantwortung und sie kann gleichzeitig unglaublich liebevoll mit ihr sein.
Die beiden lecken sich die Ohren, kuscheln miteinander, suchen die Nähe zueinander – und ein paar Minuten später sagt Honey der kleinen Elsa wieder sehr deutlich, dass jetzt Schluss ist.

Und Elsa nimmt ihr das nicht übel. Sie bleibt bei sich und lässt sich von Honey etwas sagen, ohne sich von ihr bestimmen zu lassen. Sie nimmt die Grenze an und geht trotzdem weiter ihren eigenen Weg.




Und genau dieses Zusammenspiel berührt mich gerade so sehr.

Denn plötzlich sehe ich nicht nur Elsa anders, sondern auch Honey.
Und ich sehe auch mich dadurch selbst ein Stück weit anders.




Vielleicht ist es genau das, was mich im Moment so tief berührt. Denn je länger ich Elsa und Honey beobachte, desto mehr erkenne ich, dass es gar nicht nur um ihre Beziehung zueinander geht. Es geht um etwas, das ich schon sehr lange kenne und vielleicht trotzdem erst jetzt wirklich sehen kann.

Ich habe mich selbst lange für den schnellen, nach außen gerichteten Teil von mir gehalten. Für die, die etwas bewegt, die etwas aufgreift, die weitermacht, die immer noch eine Idee hat und noch etwas tun kann. Und wahrscheinlich war das auch nicht nur das, was meinem Wesen entsprochen hat. Ich bin früh in die Verantwortung gekommen und habe dadurch sehr früh gelernt, zu funktionieren, Dinge im Blick zu haben, zu reagieren und mich um das zu kümmern, was getan werden musste. Dazu kam später die Prägung durch eine Gesellschaft, in der Schnelligkeit, Leistungsfähigkeit und Funktionieren oft mehr Anerkennung bekommen als das Innehalten und das Abwarten. Also habe ich gelernt, schneller zu werden, als ich von meinem Wesen her vielleicht eigentlich bin.

Und wenn ich heute auf Honey schaue, dann sehe ich plötzlich etwas, das mir sehr vertraut vorkommt und gleichzeitig lange nicht den Stellenwert hatte, den es eigentlich verdient hätte. Dieses Abwartende, dieses erst einmal Schauen, sich Zeit lassen, nicht sofort reagieren müssen. Ich darf meinen Raum einnehmen, ohne ihn ständig mit Aktivität füllen zu müssen.
Vielleicht ist das gar nicht so weit von mir entfernt, wie ich lange dachte.
Wenn ich heute auf mich schaue, würde ich mich wahrscheinlich selbst viel stärker auf dieser Seite wiederfinden. Nicht als jemand, der nichts tut oder sich zurückzieht, sondern als jemand, der Zeit braucht, um etwas wirklich zu erfassen, der Zusammenhänge beobachtet und erst dann weiß, was daraus entstehen möchte.

Und vielleicht hat mich genau deshalb die Begegnung mit Elsa so tief getroffen, denn durch sie darf ich Honey noch einmal neu sehen. Und durch Honey darf ich vielleicht auch mich selbst noch einmal neu sehen.
Es ist fast so, als hätte ich all die Jahre eine Qualität vor mir gehabt, die ich zwar kannte, aber nicht wirklich als etwas erkannt habe, das auch für mich selbst wertvoll sein könnte.

Und dann denke ich an Eloi zurück.




An seine unglaubliche Energie, seine Geschwindigkeit, seine Bereitschaft, immer weiterzumachen. Genau das habe ich so geliebt. Und wenn ich heute an seine Erkrankung denke, an das Insulinom und an die symbolische Bedeutung, die ich persönlich darin sehe – diese Energie, die bis zum Letzten verbraucht wird –, dann bekommt auch unsere gemeinsame Geschichte für mich noch einmal eine andere Ebene.

Dabei geht es mir nicht darum, eine Krankheit auf eine einzige Bedeutung festzulegen. Ich sehe Krankheit durchaus als Spiegel. Nicht im Sinne einer einfachen Erklärung, nach dem Motto: 

Dieser Mensch oder dieses Tier ist so, deshalb ist es krank.

Dafür sind die Zusammenhänge viel zu komplex. Aber ich glaube, dass sich in einer Erkrankung durchaus etwas vom gesamten Wesen und von seinem Lebenszusammenhang widerspiegeln kann.
Beim Menschen gehört für mich auch die eigene Lebensweise und innere Haltung ganz wesentlich dazu. Wie wir leben, wie wir mit uns selbst umgehen, ob wir dauerhaft gegen unsere eigene Natur leben, uns kleinmachen, unsere Bedürfnisse übergehen oder über längere Zeit in inneren und äußeren Konflikten stehen, kann auf den Körper einwirken und Krankheit begünstigen oder auch mitverursachen. Das bedeutet nicht, dass jede Erkrankung aus der Psyche entsteht. Aber es bedeutet sehr wohl, dass wir unseren Körper und seine Regulationsfähigkeit durch die Art, wie wir leben und mit uns selbst umgehen, beeinflussen.

Auch eine genetische Disposition ist für mich deshalb keine zwangsläufige Krankheitsursache. Sie kann eine Voraussetzung oder eine erhöhte Vulnerabilität darstellen, die unter bestimmten Bedingungen zum Tragen kommt.

Die Frage ist also auch: 

Unter welchen Bedingungen trifft diese Disposition auf den Organismus? Wie ist sein inneres Milieu? Und verfügt er noch über die Fähigkeit, sich zu regulieren?

Beim Tier liegen die Zusammenhänge natürlich anders. Ein Hund reflektiert sein Leben nicht auf dieselbe Weise wie ein Mensch. Aber auch bei ihm wirken Wahrnehmung, Emotion, Bindung, Sicherheit, Stress, Umwelt, Nervensystem und seine individuelle Konstitution unmittelbar auf seine Regulation und damit auf seinen Körper ein. Und ein Tier, das eng mit uns Menschen lebt, kann dabei niemals losgelöst von seinem sozialen und familiären Umfeld betrachtet werden. Unsere Beziehung zu ihm, unser eigener Zustand, unsere Art miteinander zu leben und die Dynamik, die zwischen Mensch und Tier entsteht, gehören zu seinem Lebensmilieu dazu und können damit auch seine Regulation beeinflussen.
Deshalb interessiert mich bei Krankheit nicht nur der Erreger, die genetische Disposition oder das erkrankte Organ. Mich interessiert das gesamte Milieu, in dem Krankheit entsteht. Denn ein Krankheitsreiz trifft immer auf einen bestimmten Organismus – und dieser Organismus bringt seine eigene Regulationsfähigkeit mit.

Vielleicht ist genau das der Punkt: 

Nicht alles, was eine Erkrankung auslösen kann, muss zwangsläufig zu Krankheit führen. 

Entscheidend ist auch, auf welchen Organismus es trifft.
Und so kann Krankheit für mich zugleich Ausdruck und Spiegel sein. Nicht als Schuldzuweisung und nicht als starre Botschaft, sondern als etwas, in dem sich Zusammenhänge zeigen können, die über das einzelne Symptom hinausgehen.

Aber für mich persönlich trägt diese Erfahrung heute ein Bild in sich.
Vielleicht habe ich selbst lange geglaubt, dass Lebendigkeit bedeutet, immer Energie zu haben, immer bereit zu sein, immer noch etwas zu können und immer weiterzumachen. Und vielleicht darf ich heute etwas anderes lernen: nicht weniger Energie, auch nicht weniger Lebendigkeit, sondern keine Energie mehr gegen das eigene Wesen zu verbrauchen.

Und vielleicht ist das gerade mein Geschenk von Elsa. Ich muss es nicht mehr theoretisch verstehen, sondern darf es beobachten, jeden Tag bei Honey und bei Elsa und vielleicht irgendwann auch immer mehr bei mir selbst. Denn wenn ich sehe, wie selbstverständlich Elsa ihren eigenen Raum einnimmt und dabei trotzdem in Verbindung bleibt, wie sie sich von Honey etwas sagen lässt, ohne sich von ihr bestimmen zu lassen, und wie sie nach einer Grenze einfach ihren eigenen Weg weitergeht, dann zeigt sie mir etwas, das ich lange eher als Gedanken oder als Konzept verstanden habe und jetzt plötzlich ganz unmittelbar erleben kann.

Nicht alles muss angeschoben werden, nicht jede Entwicklung muss kontrolliert werden und nicht jede Situation braucht eine Intervention. Manchmal reicht es tatsächlich, den eigenen Raum einzunehmen, die Verbindung zu behalten und den Dingen ihren eigenen Entwicklungsweg zu lassen, und genau das sehe ich gerade zwischen Honey und Elsa.

Honey kontrolliert, Elsa lässt sich davon nicht aus ihrer Mitte bringen. Honey setzt Grenzen, Elsa nimmt sie an, ohne deshalb ihren eigenen Kurs aufzugeben. Elsa möchte etwas Eigenes und nimmt sich dafür ihren Raum, und trotzdem liegen die beiden kurze Zeit später wieder zusammen, lecken sich die Ohren und kuscheln miteinander.
Für mich ist das eine unglaublich schöne Verkörperung von Verbundenheit, ohne sich selbst zu verlieren. Es geht eben nicht um entweder Eigenständigkeit oder Beziehung, sondern um Eigenständigkeit in Beziehung.




Elsa muss Honey nicht loswerden, um sie selbst zu bleiben, und Honey muss Elsa nicht kontrollieren, damit Elsa dazugehört. Und vielleicht ist genau das die Erfahrung, die Elsa mir gerade ermöglicht: nicht etwas Neues zu lernen, sondern etwas, das längst in mir angelegt ist, wiederzuerkennen und mir selbst zu erlauben, ihm mehr Raum zu geben.

Vielleicht ist das deshalb auch das eigentliche Geschenk, das Elsa mir macht. Sie zeigt mir nicht, wie ich sein soll, sondern sie lässt mich beobachten, wie selbstverständlich es sein kann, ganz bei sich zu bleiben und trotzdem tief verbunden zu sein.




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04. August 2026 



Regulation braucht Raum - warum Ruhe für Hunde jeden Alters so wichtig ist



Kaum ein Thema wird heute so häufig mit einem guten Hundeleben in Verbindung gebracht wie Beschäftigung. Spaziergänge, Suchspiele, Hundeschule, Begegnungen mit Artgenossen, neue Untergründe, Ausflüge oder gemeinsame Abenteuer – wir möchten unseren Hunden möglichst viel bieten, damit sie körperlich und geistig ausgelastet sind. Dahinter steckt eine liebevolle Absicht, denn wir wünschen uns einen gesunden, ausgeglichenen und glücklichen Begleiter an unserer Seite.

Und doch habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder den Eindruck gewonnen, dass wir bei aller Fürsorge einen ganz wesentlichen Teil aus dem Blick verloren haben. Wir sprechen viel darüber, wie wir unsere Hunde fördern können, aber erstaunlich selten darüber, was ein Organismus eigentlich braucht, um sich gesund zu entwickeln und dauerhaft regulieren zu können.

Vielleicht beginnt genau an dieser Stelle ein anderes Verständnis von Gesundheit. Nicht mit der Frage, wie viel Beschäftigung ein Hund braucht, sondern mit der Frage, unter welchen Bedingungen sein Organismus überhaupt in der Lage ist, das Erlebte zu verarbeiten.
Denn Entwicklung entsteht nicht allein durch Erfahrungen, sie entsteht erst dann, wenn Erfahrungen verarbeitet werden dürfen.


Ein Spaziergang ist für einen Hund niemals nur ein Spaziergang

Wenn wir mit unserem Hund durch den Wald gehen, haben wir oft das Gefühl, gemeinsam dieselbe Welt zu erleben. Wir sehen den Weg vor uns, die Bäume, vielleicht ein Reh am Waldrand oder das Licht, das durch die Blätter fällt. Unser Hund bewegt sich scheinbar neben uns durch dieselbe Landschaft, und doch erlebt er eine völlig andere Wirklichkeit. 

Während wir unsere Umwelt in erster Linie mit den Augen erfassen, betritt er mit jedem einzelnen Schritt eine Welt voller Informationen, die für uns unsichtbar bleibt. Jeder Grashalm erzählt eine Geschichte, jeder Luftzug trägt neue Gerüche mit sich, jede Bodenveränderung, jedes Rascheln im Gebüsch, jede Spur eines anderen Tieres und jede noch so kleine Veränderung in seiner Umgebung wird von seinem Nervensystem aufgenommen, bewertet und mit bereits gespeicherten Erfahrungen verglichen.

Vielleicht wird genau an dieser Stelle deutlich, dass ein Spaziergang für einen Hund niemals nur Bewegung bedeutet. Für seinen Organismus ist er eine fortlaufende Auseinandersetzung mit seiner Umwelt, bei der in jeder einzelnen Sekunde Entscheidungen getroffen werden müssen. Ist diese Situation sicher? Lohnt es sich, diesen Geruch weiter zu verfolgen? Ist das Geräusch dort vorne bedeutungslos oder verlangt es Aufmerksamkeit? Handelt es sich um einen vertrauten Artgenossen oder um einen Fremden? Muss Energie eingesetzt werden oder ist es klüger, sie zu sparen? All diese Prozesse laufen ununterbrochen ab, ohne dass der Hund darüber nachdenken muss. Sie gehören zu den ursprünglichsten Aufgaben seines Nervensystems und sind tief in seiner Biologie verankert.

Vielleicht liegt genau hier einer der größten Unterschiede zwischen unserer Sichtweise und der unseres Hundes. Während wir einen Spaziergang häufig danach beurteilen, wie weit wir gelaufen sind oder wie viel Bewegung unser Hund hatte, geht es für ihn um etwas völlig anderes. Er sammelt nicht einfach Eindrücke. Er orientiert sich in seiner Welt. Er überprüft fortlaufend, ob Sicherheit besteht, ob sich etwas verändert hat und welche Informationen für sein Überleben von Bedeutung sein könnten.
Bewegung ist dabei nur ein kleiner Teil dessen, was in seinem Organismus tatsächlich geschieht
.


Das Nervensystem sucht nicht nach Beschäftigung – sondern nach Sicherheit

Vielleicht wird an diesem Beispiel auch deutlich, warum wir das Nervensystem eines Hundes nicht mit unseren menschlichen Vorstellungen von Beschäftigung erklären können. Seine wichtigste Aufgabe besteht nicht darin, ständig Neues zu lernen oder möglichst viele Erfahrungen zu sammeln. Seine wichtigste Aufgabe besteht darin, den Organismus am Leben zu erhalten.

Dafür überprüft es ununterbrochen die Umgebung. Nicht nur draußen im Wald, sondern in jeder einzelnen Situation des Tages. Es gleicht fortlaufend ab, ob etwas vertraut oder unbekannt ist, ob ein Geräusch Aufmerksamkeit verlangt oder ignoriert werden kann, ob eine Begegnung Sicherheit vermittelt oder Vorsicht erfordert. 

Dieser Prozess läuft nicht bewusst ab. Der Hund entscheidet nicht darüber. Sein Nervensystem übernimmt diese Aufgabe ununterbrochen und mit einer Präzision, die wir Menschen uns kaum vorstellen können.

Vielleicht liegt genau hier auch der Grund, weshalb Hunde oft auf Dinge reagieren, die wir überhaupt nicht wahrnehmen. Ein kaum hörbares Geräusch, eine minimale Veränderung des Windes, der Geruch eines fremden Hundes, der Stunden zuvor denselben Weg gegangen ist, oder eine feine Veränderung in der Körpersprache eines Menschen können bereits ausreichen, damit das Nervensystem seine Aufmerksamkeit erhöht. Nicht weil der Hund ängstlich oder überempfindlich ist, sondern weil sein Organismus genau dafür geschaffen wurde.

Dabei geht es jedoch nicht darum, ständig in Alarmbereitschaft zu sein. Ein gesundes Nervensystem zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass es flexibel zwischen Aktivierung und Entspannung wechseln kann. Es nimmt Reize wahr, bewertet sie und kehrt anschließend wieder in einen Zustand der Ruhe zurück. Genau dieser Wechsel macht Regulation überhaupt erst möglich.

Vielleicht verwenden wir deshalb den Begriff Ruhe manchmal etwas zu oberflächlich. Ruhe bedeutet nicht einfach, dass ein Hund schläft oder sich nicht bewegt. Wirkliche Ruhe beginnt dort, wo das Nervensystem keine Informationen mehr einordnen, keine Gefahren mehr bewerten und keine Entscheidungen mehr treffen muss. Erst dann entsteht der Raum, in dem Erlebtes verarbeitet werden kann.


Die Natur kennt keinen Dauerstress – sie kennt Rhythmus

Wenn wir verstehen möchten, was ein Hund wirklich braucht, lohnt es sich manchmal, einen Schritt zurückzutreten und die Natur zu beobachten. Nicht, weil unsere Familienhunde heute noch genauso leben wie freilebende Hunde oder Wölfe, sondern weil sich die biologischen Gesetzmäßigkeiten, nach denen ihr Organismus arbeitet, in den vergangenen Jahrtausenden kaum verändert haben.

Ein freilebender Hund verbringt seinen Tag nicht damit, von einer Beschäftigung zur nächsten zu wechseln. Er lebt in einem Rhythmus, der sich aus den Anforderungen seiner Umwelt ergibt. Zeiten intensiver Aktivität wechseln sich ganz selbstverständlich mit langen Phasen des Beobachtens, Dösens und Schlafens ab. Wird Nahrung gefunden, wird gefressen. Muss das Territorium kontrolliert werden, wird gelaufen. Begegnet die Gruppe einer neuen Situation, steigt die Aufmerksamkeit. Ist die Situation geklärt, kehrt wieder Ruhe ein. Niemand käme auf die Idee, nach einer erfolgreichen Jagd noch eine weitere Aufgabe anzuschließen oder anschließend Bälle zu werfen.

Vielleicht klingt das im ersten Moment selbstverständlich. Und doch zeigt es uns etwas, das wir in unserem Zusammenleben mit Hunden häufig vergessen haben.


Die Natur denkt nicht in Beschäftigung - sie denkt in Energie.

Jeder Organismus geht sorgsam mit seinen Ressourcen um, weil Energie nur begrenzt zur Verfügung steht. Sie wird eingesetzt, wenn sie gebraucht wird, und sie wird gespart, sobald der Organismus wieder Sicherheit wahrnimmt.

Genau deshalb gehören Ruhephasen nicht an den Rand des Lebens, sondern in seine Mitte. Sie sind keine Belohnung nach getaner Arbeit und auch keine verlorene Zeit. Sie sind ein fester Bestandteil des biologischen Rhythmus und damit eine Voraussetzung dafür, dass Leben überhaupt dauerhaft möglich ist.

Vielleicht fällt uns das heute so schwer zu verstehen, weil wir Menschen in einer Kultur leben, die Aktivität häufig mit Erfolg gleichsetzt. Wer viel tut, gilt als fleißig. Wer ständig beschäftigt ist, scheint produktiv zu sein. 

Dieses Denken übertragen wir oft unbewusst auch auf unsere Hunde. Ein Hund, der immer etwas erlebt, erscheint uns ausgelastet. Ein Hund, der ständig etwas erlebt, erscheint uns oft gut ausgelastet, während ein Hund, der viel schläft, auf den ersten Blick schnell gelangweilt wirkt.

Für sie ist nicht entscheidend, wie viel ein Organismus leistet, sondern ob er nach jeder Anforderung wieder in seinen natürlichen Rhythmus zurückfinden kann. Genau darin liegt der Unterschied zwischen bloßer Aktivität und echter Gesundheit.

Und vielleicht beginnt genau hier ein neues Verständnis von Fürsorge. 

Nicht die Frage, „Was kann ich mit meinem Hund noch machen?“, sondern vielmehr die Frage, „Hat sein Organismus heute genügend Zeit bekommen, all das zu verarbeiten, was er bereits erlebt hat?“


Was Elsa mich über das Lernen gelehrt hat



Ich habe das erst vor Kurzem selbst wieder erlebt. Elsa ist jetzt dreizehn Wochen alt und wir wollten unseren ersten kleinen Spaziergang im Wald machen. Eigentlich wollte ich mit ihr nur ein kleines Stück durch den Wald gehen – so, wie man es mit einem jungen Hund eben macht.

Doch schon nach den ersten Minuten merkte ich, dass dieser Spaziergang für mich zu etwas ganz anderem wurde. Ich war gar nicht mehr damit beschäftigt, wie weit wir noch laufen oder welche Strecke wir schaffen könnten. Stattdessen begann ich, Elsa dabei zuzusehen, wie sie ihre Welt entdeckte.

Wir gingen nicht zügig durch den Wald, sondern eher langsam und fast schon flanierend. Immer wieder blieb sie stehen, nahm einen neuen Geruch auf, betrachtete einen Ast, lauschte einem Geräusch oder setzte ihre Pfoten vorsichtig auf einen anderen Untergrund. Für mich war es plötzlich kein Spaziergang mehr. Es war eine Einladung, die Welt einmal mit den Sinnen und dem Nervensystem eines jungen Hundes zu betrachten.

Besonders ein kleiner Moment ist mir dabei im Gedächtnis geblieben. Am Wegesrand lag der Kot eines anderen Hundes. Elsa ging ganz selbstverständlich und neugierig darauf zu, schnupperte daran und im nächsten Augenblick konnte ich beobachten, wie sie für einen kurzen Moment innehielt. 

Es war kein panisches Erschrecken und sie hatte auch keine Angst. Es war vielmehr dieser winzige Augenblick, in dem ihr Nervensystem entschied: Moment... das kenne ich noch nicht. Das muss ich erst einmal einordnen. 

Nur einen Augenblick später war dieser Moment bereits vorbei. Sie hatte die Situation bewertet, als ungefährlich eingeordnet und setzte ihren Weg genauso neugierig fort wie zuvor.


Genau diese kleinen Augenblicke faszinieren mich. 

Nicht, weil sie spektakulär sind, sondern weil sie sichtbar machen, wie ein Organismus lernt. Jeder neue Geruch, jede unbekannte Spur, jedes Geräusch und jede kleine Überraschung werden zunächst wahrgenommen, mit bereits gemachten Erfahrungen verglichen und anschließend bewertet. Erst danach entscheidet das Nervensystem, ob davon zukünftig eine Gefahr ausgeht, ob es bedeutungslos ist oder ob diese Information für spätere Situationen gespeichert werden sollte.

Als wir schließlich unten am Waldweg ankamen und ich überlegte, ob wir noch weitergehen oder umdrehen sollten, wurde mir plötzlich bewusst, wie unglaublich viele Informationen Elsa in dieser kurzen Zeit bereits aufgenommen hatte. Früher wäre ich wahrscheinlich ganz selbstverständlich die geplante Runde weitergelaufen, schließlich wären es insgesamt vielleicht zwanzig Minuten gewesen. 

An diesem Tag bin ich umgedreht. Nicht, weil Elsa müde wirkte oder weil irgendeine Empfehlung vorgibt, wie lange ein Welpe spazieren gehen sollte, sondern weil ich das Gefühl hatte, dass ihr Organismus jetzt nicht noch mehr Eindrücke brauchte. Er brauchte Zeit. 

Zeit, damit aus all den Erlebnissen Erfahrungen werden konnten.

Und genau das ist es, was mich heute vielleicht am meisten berührt. Für mich ist es mittlerweile oft das größere Erlebnis, meinem Hund dabei zuzusehen, wie er die Welt erlebt, als selbst durch den Wald zu gehen. Denn in diesen stillen Momenten wird sichtbar, was Entwicklung wirklich bedeutet. Sie entsteht nicht dadurch, dass immer neue Reize hinzukommen. Sie entsteht dort, wo ein Organismus die Möglichkeit bekommt, das Erlebte in seinem eigenen Rhythmus zu verarbeiten.


Aktivität ist nicht dasselbe wie Aktivierung

Vielleicht liegt genau hier eines der größten Missverständnisse im Zusammenleben mit unseren Hunden. Wir neigen dazu, Bewegung mit Auslastung gleichzusetzen und Aktivität als etwas grundsätzlich Positives zu betrachten. 

Ein Hund, der viel erlebt, viel läuft und viele Eindrücke sammelt, scheint auf den ersten Blick ein erfülltes Leben zu führen. Doch aus Sicht des Organismus ist Aktivität nicht automatisch gleichbedeutend mit Gesundheit.

Das Nervensystem unterscheidet nämlich nicht danach, ob ein Reiz für uns Menschen positiv oder negativ ist. Es unterscheidet zunächst nur danach, ob etwas Aufmerksamkeit erfordert. Jede neue Situation, jeder unbekannte Geruch, jede Begegnung, jedes Geräusch und jede Veränderung der Umgebung bedeutet zunächst einmal Aktivierung. Das ist weder gut noch schlecht. Es ist die natürliche Reaktion eines Organismus, der seine Umwelt aufmerksam wahrnimmt.

Genau deshalb kann auch ein wunderschöner Waldspaziergang das Nervensystem stark beanspruchen. Nicht weil der Hund gestresst ist, sondern weil sein Gehirn in kürzester Zeit unzählige Informationen verarbeitet. Dasselbe gilt für jede Hundebegegnung, einen Stadtbummel oder sogar für ein ausgelassenes Spiel mit dem Lieblingsmenschen. 

Auch positive Erlebnisse fordern den Organismus, weil sie verarbeitet werden müssen.

Vielleicht hilft hier ein anderer Blick auf das Wort Stress. Wir verbinden damit häufig etwas Negatives. Biologisch betrachtet bedeutet Stress jedoch zunächst einmal nichts anderes als Anpassung. Der Organismus reagiert auf eine Veränderung seiner Umwelt und stellt sich auf diese neue Situation ein. Erst wenn auf diese Aktivierung keine ausreichende Regeneration mehr folgt, beginnt aus einer sinnvollen Anpassungsreaktion eine dauerhafte Belastung zu werden.

Genau das beobachte ich in meiner täglichen Arbeit immer häufiger. Die meisten Hunde, die zu mir kommen, haben kein Problem damit, in Aktivität zu kommen. Sie reagieren schnell, sind aufmerksam, ständig bereit für den nächsten Reiz und oft kaum zu bremsen. Was ihnen schwerfällt, ist etwas ganz anderes: Sie finden den Weg zurück in die Ruhe nicht mehr.

Im meiner Praxis zeigen sich immer wieder dieselben Muster. Viele Halter beschreiben ihren Hund als lebhaft, motiviert und jederzeit bereit, etwas zu unternehmen.

Fragt man jedoch genauer nach, wird deutlich, dass genau diese Hunde häufig Schwierigkeiten haben, nach einem aufregenden Spaziergang zu entspannen, nach einer Hundebegegnung wieder herunterzufahren oder nach einem ereignisreichen Tag wirklich tief und erholsam zu schlafen. Die Aktivierung funktioniert hervorragend. Die Regulation dagegen gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht mehr nur fragen, wie wir unseren Hund beschäftigen können, sondern viel häufiger beobachten, wie gut er wieder in die Ruhe zurückfindet. Denn genau dort zeigt sich, wie belastbar sein Nervensystem tatsächlich ist. Ein Organismus, der nach einer Herausforderung wieder in seine innere Balance findet, besitzt eine ganz andere Widerstandskraft als ein Organismus, der dauerhaft in einer erhöhten Aktivierung verharrt.

Vielleicht ist das sogar eine der wichtigsten Fragen, die wir uns im Alltag stellen können:

Wie leicht findet mein Hund nach einer Aktivierung wieder in seine innere Ruhe zurück?
Denn genau dort entscheidet sich, wie gut ein Organismus langfristig gesund bleiben kann. 

Nur wenn er immer wieder in sein natürliches Gleichgewicht zurückfindet, bleibt seine Fähigkeit zur Selbstregulation erhalten.


Jeder Organismus hat seinen eigenen Rhythmus

Vielleicht wünschen wir Menschen uns manchmal einfache Antworten. Wie lange sollte ein Welpe spazieren gehen? Wie viele Stunden Schlaf braucht ein Hund? Wie oft sollte er beschäftigt werden? Doch so verständlich diese Fragen auch sind, sie lassen sich nicht allgemeingültig beantworten. Denn kein Organismus gleicht dem anderen.

Jeder Hund bringt seine eigene Geschichte mit auf die Welt. Seine genetische Veranlagung, seine Konstitution, seine Persönlichkeit und später auch seine Erfahrungen prägen, wie er seiner Umwelt begegnet und wie viele Reize er aufnehmen und verarbeiten kann. 

Manche Hunde beobachten zunächst lange, bevor sie sich auf Neues einlassen. Andere stürzen sich neugierig in jede unbekannte Situation. Wieder andere reagieren besonders fein auf Veränderungen, nehmen kleinste Details wahr und benötigen anschließend deutlich mehr Zeit, um all diese Eindrücke zu verarbeiten.


Genau deshalb halte ich wenig von pauschalen Empfehlungen. Sie können eine Orientierung geben, ersetzen aber niemals die Beobachtung des einzelnen Organismus. Zwei Hunde können denselben Spaziergang erleben und dennoch völlig unterschiedlich darauf reagieren. Während der eine nach einer halben Stunde wieder bereit für neue Eindrücke ist, zieht sich der andere zurück und schläft tief und fest. Keiner von beiden macht etwas falsch. Sie folgen lediglich ihrem eigenen biologischen Rhythmus.

Vielleicht beginnt genau hier ein Umdenken. Wir sollten nicht versuchen, unseren Hund an einen vorgegebenen Plan anzupassen, sondern lernen, den Plan an den Hund anzupassen. Nicht die Uhr entscheidet darüber, wann eine Erfahrung genug war, sondern der Organismus selbst. Unsere Aufgabe besteht darin, seine Signale lesen zu lernen.

Je länger ich Hunde begleite, desto mehr habe ich den Eindruck, dass genau diese Fähigkeit verloren gegangen ist. 

Wir beobachten oft das Verhalten, ohne den Organismus dahinter zu sehen. „Ein Hund springt aufgeregt an der Leine und wir sehen zunächst nur das Verhalten.“
Ein anderer fordert immer wieder Beschäftigung ein und wir sehen nur seinen Bewegungsdrang. Doch was wäre, wenn all diese Verhaltensweisen gar nicht das eigentliche Thema wären? Was wäre, wenn sie lediglich Ausdruck eines Nervensystems wären, das noch keine Gelegenheit gefunden hat, wieder vollständig in seine Regulation zurückzukehren?

Dann verändert sich plötzlich auch unser Blick auf den Hund. Wir fragen nicht mehr: Wie bekomme ich dieses Verhalten weg? Sondern: Was versucht mir dieser Organismus gerade mitzuteilen?

Vielleicht ist genau das der Beginn echter Therapie. 

Nicht das Verhalten isoliert zu betrachten, sondern zu verstehen, dass jedes Verhalten Ausdruck eines lebendigen Organismus ist, der ständig versucht, sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Und manchmal gelingt ihm das nicht, weil ihm genau das fehlt, was in unserer modernen Welt immer seltener geworden ist: ausreichend Zeit, ausreichend Ruhe und ein natürlicher Rhythmus zwischen Erleben und Regeneration.


Regulation ist kein Trainingsziel – sie ist ein Lebensprinzip

Vielleicht sprechen wir heute so häufig über das Nervensystem, weil wir seine Reaktionen unmittelbar beobachten können. Wir sehen, ob ein Hund schnell erschrickt, ob er sich über jede Kleinigkeit aufregt oder ob er nach einer belastenden Situation wieder zur Ruhe findet. Das Nervensystem scheint deshalb oft im Mittelpunkt zu stehen. Tatsächlich ist es jedoch nur ein Teil eines viel größeren Ganzen.

Regulation beginnt nicht erst im Nervensystem, sondern in jeder einzelnen Zelle des Organismus.

Jede Zelle besitzt die erstaunliche Fähigkeit, auf Veränderungen zu reagieren und gleichzeitig alles dafür zu tun, ihr eigenes inneres Gleichgewicht wiederherzustellen. Das gilt für eine Muskelzelle genauso wie für eine Nervenzelle, eine Immunzelle oder eine Zelle der Darmschleimhaut. Leben bedeutet immer Anpassung.

Es bedeutet aber ebenso, nach jeder Veränderung wieder in eine neue Balance zurückzufinden.

Vielleicht liegt genau hier eines der größten Missverständnisse, wenn wir über Gesundheit sprechen. Gesundheit ist kein Zustand, den wir einmal erreichen und dann für immer behalten. Gesundheit ist ein fortlaufender Prozess. Ein Organismus reguliert sich ununterbrochen. Er gleicht aus, passt an, repariert, sortiert, erneuert und reagiert auf das, was das Leben ihm gerade anbietet.

Wenn wir uns einmal anschauen, wie unser Körper oder der Körper eines Hundes arbeitet, erkennen wir dieses Prinzip überall. Nach einer Verletzung beginnt der Organismus sofort mit der Heilung. Nach einer Infektion passt das Immunsystem seine Abwehr an. Nach einer Mahlzeit reguliert der Stoffwechsel den Blutzucker. Nach körperlicher Belastung werden Muskeln repariert und aufgebaut. Nach einer aufregenden Erfahrung beginnt das Gehirn, Erinnerungen zu ordnen und das Nervensystem verarbeitet alles, was zuvor erlebt wurde.

Keines dieser Systeme arbeitet für sich allein. Sie alle verfolgen dasselbe Ziel: den Organismus in seinem inneren Gleichgewicht zu halten.
Vielleicht wird deshalb verständlich, warum ich Verhalten niemals losgelöst vom Körper betrachten kann. 

Ein Hund, dessen Nervensystem dauerhaft unter hoher Anspannung steht, beeinflusst nicht nur sein Verhalten. Auch Schlafqualität, Verdauung, Stoffwechsel, Immunsystem und letztlich sogar die Fähigkeit des Körpers, sich zu regenerieren, stehen mit diesem Zustand in Beziehung. Umgekehrt kann ein Organismus, der beispielsweise unter chronischen Schmerzen leidet, an einer gestörten Darmfunktion oder einer dauerhaften Entzündungsbelastung arbeitet, oft gar nicht mehr die gleichen Regulationsmöglichkeiten entwickeln wie ein Organismus, dessen Systeme frei miteinander kommunizieren können.

Deshalb greift es aus meiner Sicht zu kurz, Verhalten isoliert zu betrachten oder Gesundheit ausschließlich an einzelnen Organen festzumachen.

Der Organismus kennt diese Trennung nicht, für ihn gehört alles zusammen. 

Jede Veränderung an einer Stelle verändert immer auch das Ganze.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb mich biologische Gesetzmäßigkeiten schon immer mehr fasziniert haben als einzelne Methoden. Methoden können hilfreich sein, sie können Prozesse unterstützen und dem Organismus Impulse geben.
Aber keine Methode der Welt übernimmt die eigentliche Arbeit - Heilen, Anpassen, Lernen und Regulieren kann letztlich nur der Organismus selbst.

Und genau deshalb frage ich mich in meiner täglichen Arbeit immer seltener: Welche Methode ist jetzt die richtige?

Stattdessen stelle ich mir immer wieder andere Fragen:

Was braucht dieser Organismus in diesem Moment, damit Regulation überhaupt wieder möglich werden kann?

Manchmal ist es Ruhe.

Manchmal Sicherheit.

Manchmal die Entlastung des Stoffwechsels.

Manchmal eine Veränderung der Ernährung.

Manchmal die Behandlung von Schmerzen.

Manchmal die Unterstützung des Darms oder des Immunsystems

Und manchmal beginnt alles damit, dass wir aufhören, immer neue Reize hinzuzufügen.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb ich den Satz „Regulation lässt sich nicht erzwingen – sie lässt sich nur ermöglichen.“ nicht als schönen Leitspruch verstehe. Für mich beschreibt er ein biologisches Gesetz. Kein Organismus lässt sich zur Heilung zwingen. Kein Nervensystem lässt sich durch Druck in die Ruhe bringen. Kein Muskel wächst schneller, weil wir ihn häufiger trainieren. Und auch ein Welpe entwickelt sich nicht schneller, weil wir ihm jeden Tag noch mehr zeigen.

Die Natur kennt keinen Zwang, sie kennt nur Bedingungen.

Und immer dann, wenn diese Bedingungen stimmen, beginnt ein Organismus wieder das zu tun, wofür er geschaffen wurde - sich selbst zu regulieren.


Wenn der Organismus loslässt – warum Schlaf so viel mehr ist als Ausruhen



Vielleicht kennen wir alle diesen Anblick. Nach einem erlebnisreichen Spaziergang, einer spannenden Begegnung oder einem Tag voller neuer Eindrücke sucht sich unser Hund einen ruhigen Platz, rollt sich zusammen und schläft ein. Für uns sieht das häufig so aus, als würde er sich einfach nur ausruhen. Tatsächlich beginnt in diesem Moment jedoch eine der wichtigsten Phasen seines gesamten Organismus. Während von außen scheinbar nichts geschieht, laufen im Inneren unzählige Prozesse ab, die wir weder sehen noch bewusst wahrnehmen können und die dennoch darüber entscheiden, wie gut sich ein Organismus entwickeln, lernen und langfristig gesund bleiben kann.

Vielleicht betrachten wir Schlaf deshalb viel zu oft als eine passive Zeit. In Wirklichkeit ist er eine hochaktive biologische Leistung. Während der Körper zur Ruhe kommt, beginnt das Gehirn damit, die Eindrücke des Tages zu ordnen. Neue Erfahrungen werden mit bereits vorhandenen Erinnerungen verknüpft, Unwichtiges wird aussortiert, Bedeutungsvolles dauerhaft gespeichert und das Nervensystem findet Schritt für Schritt wieder in seine innere Balance zurück. Gleichzeitig laufen Stoffwechselprozesse ab, das Immunsystem arbeitet, Gewebe wird repariert und unzählige Regulationsvorgänge finden genau in den Stunden statt, in denen der Organismus endlich loslassen kann.

„Die meisten gesunden Hunde verbringen – je nach Alter, Konstitution und Lebensphase – ungefähr sechzehn bis zwanzig Stunden des Tages mit Schlafen oder Dösen.“

Welpen benötigen häufig sogar noch mehr Schlaf, weil ihr Gehirn und ihr Nervensystem sich in einer Phase intensiver Entwicklung befinden. Erwachsene Hunde schlafen meist etwas weniger, während viele Senioren sich wieder häufiger zurückziehen. Nicht weil sie schwächer werden, sondern weil der Organismus mit zunehmendem Alter mehr Zeit braucht, um all das zu verarbeiten, was das Leben täglich an ihn heranträgt.

Dabei ist jedoch nicht jeder Schlaf gleich. Viele Hunde dösen zwischendurch, öffnen bei einem Geräusch sofort wieder die Augen oder beobachten ihre Umgebung, obwohl sie scheinbar ruhen. Wirkliche Regeneration entsteht vor allem in den Tiefschlaf- und Traumphasen. Genau dort arbeitet das Gehirn mit besonderer Intensität und genau dort geschieht ein großer Teil dessen, was wir später als Lernen, Entwicklung oder Anpassung wahrnehmen.

Vielleicht hast du deinen Hund schon einmal dabei beobachtet. Die Augen bewegen sich unter den geschlossenen Lidern, die Pfoten beginnen leicht zu zucken, die Tasthaare vibrieren, die Ohren bewegen sich, manchmal fiept oder bellt er ganz leise und manche Hunde machen sogar kleine nuckelnde Bewegungen mit dem Maul, als würden sie sich für einen kurzen Moment wieder in eine längst vergangene Erinnerung hineinträumen. Welche Bilder dabei tatsächlich entstehen, können wir natürlich nicht wissen. Dass diese Traumphasen jedoch eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Erlebtem spielen, gilt heute als sehr wahrscheinlich.

Gerade deshalb empfinde ich es als so wichtig, den Schlaf unserer Tiere zu schützen. Natürlich gibt es Situationen, in denen ein Hund geweckt werden muss. Im Alltag geschieht das jedoch häufig ganz nebenbei. Wir streicheln ihn, weil er so friedlich aussieht, rufen ihn zu uns, weil wir gerade losmöchten, oder freuen uns darüber, dass er sofort aufspringt, wenn wir seinen Namen sagen. Dabei vergessen wir leicht, dass wir ihn möglicherweise mitten aus einer Phase holen, in der sein Organismus gerade genau die Arbeit verrichtet, für die wir ihm zuvor all die Erfahrungen ermöglicht haben.

Vielleicht kennen wir dieses Gefühl auch von uns selbst. Wenn wir aus einem tiefen Schlaf geweckt werden, brauchen wir häufig einen Moment, bis wir wirklich wieder in der Gegenwart angekommen sind. Wir orientieren uns, blinzeln, strecken uns, sammeln unsere Gedanken und kommen langsam wieder in der Realität an. Unsere Hunde machen im Grunde nichts anderes. Auch sie strecken sich häufig erst ausgiebig, schütteln ihren Körper, blinzeln, bleiben noch einen Augenblick liegen oder schauen sich zunächst ruhig um, bevor sie wieder vollständig im Hier und Jetzt ankommen. Diese Übergänge sind kein Zeichen von Trägheit. Sie gehören zu einem gesunden Regulationsprozess.

Vielleicht dürfen wir gerade diese scheinbar unspektakulären Momente wieder mehr wertschätzen. Nicht jeder schlafende Hund möchte sofort angesprochen oder berührt werden. Nicht jeder Traum sollte unterbrochen werden. Manchmal besteht Fürsorge einfach darin, den Organismus seine Arbeit zu Ende machen zu lassen und ihm die Zeit zu schenken, die er braucht.

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, den Schlaf unserer Hunde als ungenutzte Zeit zu betrachten. Vielleicht ist er genau der Moment, in dem aus Erlebnissen Erfahrungen, aus Erfahrungen Entwicklung und aus Entwicklung Gesundheit entsteht.

Denn Schlaf ist keine Pause vom Leben, er ist einer der wichtigsten Teile davon.




Wenn der Organismus nicht mehr alleine in die Ruhe zurückfindet

Aktivierung gehört zum Leben. Ohne sie gäbe es keine Entwicklung, keine Anpassung und kein Lernen. Problematisch wird sie erst dann, wenn ein Organismus nach einer Phase erhöhter Aufmerksamkeit oder Anspannung nicht mehr aus eigener Kraft in seinen natürlichen Zustand der Ruhe zurückfindet. Genau darin liegt aus meiner Sicht einer der entscheidenden Unterschiede zwischen Beruhigung und echter Selbstregulation.

Ein Hund kann durchaus ruhig wirken, weil wir die Situation beenden, ihn auf seinen Platz schicken oder dafür sorgen, dass keine weiteren Reize mehr auf ihn einwirken. Äußere Ruhe bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass auch sein Organismus bereits wieder in die Regulation gefunden hat. Ein Nervensystem kann äußerlich ruhig erscheinen und innerlich dennoch weiterhin auf Empfang sein. Der Hund liegt vielleicht in seinem Körbchen, hebt bei jedem Geräusch den Kopf, beobachtet jede Bewegung, schläft nur oberflächlich oder springt beim kleinsten Anlass sofort wieder auf. 

Wirkliche Regulation sieht anders aus.

Ein Organismus, der sich selbst regulieren kann, findet nach einer Phase der Aktivierung aus eigener Kraft wieder in sein Gleichgewicht zurück. Er braucht dafür keine ständige Anleitung von außen, sondern besitzt die Fähigkeit, Anspannung loszulassen, sich sicher zu fühlen und in eine tiefe Regeneration überzugehen. Genau diese Fähigkeit ist für mich einer der wichtigsten Bausteine körperlicher und seelischer Gesundheit.

In meiner täglichen Arbeit begegnet mir jedoch immer häufiger das Gegenteil. Viele Hunde sind ausgesprochen aufmerksam, hoch motiviert und jederzeit bereit für die nächste Aufgabe. Nicht selten höre ich bereits im ersten Gespräch Sätze wie: „Der braucht unglaublich viel Auslastung.“, „Wenn wir nichts mit ihm machen, sucht er sich selbst eine Beschäftigung.“ oder „Der ist erst zufrieden, wenn er richtig kaputt ist.“ 

Hinter diesen Aussagen steckt fast immer die ehrliche Sorge, dem eigenen Hund nicht gerecht zu werden. Gleichzeitig frage ich mich dann oft, ob wir vielleicht auf das Falsche schauen.

Denn die entscheidende Frage lautet für mich nicht, wie gut sich ein Hund aktivieren lässt.

Die viel wichtigere Frage lautet:
Wie gut findet sein Organismus anschließend wieder alleine in die Ruhe zurück?

Kann er nach einem spannenden Spaziergang tief und entspannt schlafen? Kann er nach einer aufregenden Begegnung wieder loslassen? Kann er Erlebtes verarbeiten, ohne dass ständig neue Reize hinzukommen? Oder bleibt sein Nervensystem dauerhaft in einer erhöhten Aufmerksamkeit, sodass der nächste kleine Impuls ausreicht, um ihn erneut in Aktivierung zu versetzen?

Bleibt ein Organismus über Wochen, Monate oder sogar Jahre in einem solchen Zustand, betrifft das längst nicht mehr nur sein Verhalten. Schlaf wird flacher, Regeneration unvollständiger, der Stoffwechsel arbeitet unter anderen Bedingungen, das Immunsystem verändert seine Reaktionsweise und die Fähigkeit, sich an neue Herausforderungen anzupassen, nimmt allmählich ab. Was wir dann beobachten, ist häufig nicht die eigentliche Ursache, sondern lediglich der Ausdruck eines Organismus, der den Weg zurück in seine Regulation immer schwerer findet.

Vielleicht sollten wir deshalb beginnen, nicht nur darauf zu achten, wie schnell ein Hund hochfährt, sondern vor allem darauf, wie gut er anschließend wieder in seine eigene Ruhe zurückfindet. Denn genau dort entscheidet sich, wie gut ein Organismus langfristig gesund bleiben kann. Nur wenn er immer wieder in sein natürliches Gleichgewicht zurückfindet, bleibt seine Fähigkeit zur Selbstregulation erhalten.

Ruhe können wir anbieten - Regulation geschieht von innen heraus.

Wir können einen sicheren Rahmen schaffen, Reize reduzieren, Schmerzen behandeln, den Stoffwechsel unterstützen, den Darm entlasten, das Immunsystem begleiten oder dem Organismus einfach die Zeit schenken, die er braucht. All das sind wertvolle Möglichkeiten, ihn auf seinem Weg zu unterstützen. Den eigentlichen Regulationsprozess können wir ihm jedoch nicht abnehmen. Er entsteht dort, wo der Organismus wieder die Bedingungen vorfindet, unter denen er das tun kann, wofür er von Natur aus geschaffen wurde.
Therapie bedeutet für mich deshalb nicht, den Organismus zu kontrollieren, sondern ihm die Bedingungen zurückzugeben, unter denen Gesundheit wieder entstehen kann.

Vielleicht beginnt echte Fürsorge genau dort, wo wir aufhören, unseren Hund ständig fördern, beschäftigen oder verbessern zu wollen, und stattdessen lernen, ihn aufmerksam zu beobachten. Je besser wir verstehen, wie sein Organismus arbeitet, desto seltener werden wir uns fragen, was wir noch mit ihm machen können. Stattdessen werden wir erkennen, wann es an der Zeit ist, einfach nichts zu tun, weil gerade in diesen scheinbar unspektakulären Momenten oft die wichtigste Entwicklung geschieht.


Regulation lässt sich nicht erzwingen – sie lässt sich nur ermöglichen, denn Regulation braucht Raum.





Vielleicht werden wir unseren Hund nach dem Lesen dieses Artikels das nächste Mal schlafend in seinem Körbchen finden. Vielleicht zuckt eine Pfote, vielleicht bewegen sich seine Augen unter den geschlossenen Lidern oder er träumt gerade von einem Tag, den wir gemeinsam erlebt haben. Vielleicht gehen wir dieses eine Mal nicht zu ihm, um ihn zu streicheln oder zu wecken. Vielleicht lassen wir ihn einfach schlafen.

Nicht, weil wir nichts für ihn tun möchten, sondern weil wir verstanden haben, dass genau in diesem Moment bereits alles geschieht, was sein Organismus jetzt braucht.

Vielleicht ist genau das das größte Geschenk, das wir unserem Tier machen können.


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27. Juli 2026


Wenn der Organismus seine Umwelt nicht mehr toleriert
Ein anderer Blick auf Allergien bei Mensch und Tier



Wenn wir uns einmal anschauen, wie viele Menschen und mittlerweile auch Tiere unter Allergien, Unverträglichkeiten oder immer wiederkehrenden Reaktionen der Haut und Schleimhäute leiden, dann lohnt es sich meiner Meinung nach, nicht nur danach zu fragen, worauf der einzelne Organismus reagiert, sondern warum er überhaupt begonnen hat, auf eigentlich harmlose Dinge aus seiner Umwelt so empfindlich zu reagieren.

Pollen, Gräser, Staub, Pflanzen und unzählige Mikroorganismen sind schließlich nichts Neues, sondern gehören seit jeher zu unserer natürlichen Umgebung und damit auch zu der Welt, in der sich das Immunsystem von Mensch und Tier entwickelt hat. Unser Organismus ist nicht dafür gemacht, möglichst abgeschirmt von dieser Umwelt zu leben, sondern steht vom ersten Lebenstag an mit ihr in Kontakt und muss dabei immer wieder unterscheiden, was tatsächlich eine Gefahr darstellt und was einfach zu unserem natürlichen Lebensraum gehört.

Genau darin liegt eine der wichtigsten Fähigkeiten unseres Immunsystems, denn ein gesundes Immunsystem zeichnet sich nicht dadurch aus, dass es besonders stark auf alles reagiert, was ihm begegnet, sondern dadurch, dass es angemessen reagieren und vor allem auch tolerieren kann.
Und vielleicht müssen wir deshalb bei der zunehmenden Zahl von Allergien unseren Blick ein wenig erweitern, denn je weiter sich unsere Lebensweise von natürlichen Zusammenhängen entfernt, desto stärker verändern wir gleichzeitig das Milieu, in dem unser Immunsystem seine Regulationsfähigkeit entwickeln und erhalten soll. Ernährung, Darm und Mikrobiom spielen dabei ebenso eine Rolle wie unsere Schleimhäute, die Haut, das Lymphsystem und natürlich auch die mikrobielle Vielfalt unserer unmittelbaren Umgebung.

Für mich beginnt die eigentliche Frage deshalb nicht bei den Pollen und auch nicht bei dem Stoff, auf den ein Mensch oder ein Tier reagiert, sondern schon sehr viel früher:
Was ist im System aus der Ordnung geraten, dass etwas eigentlich Harmloses plötzlich als Gefahr wahrgenommen wird?
Die Schleimhäute – dort, wo Innen und Außen sich begegnen

Wenn wir verstehen möchten, warum ein Organismus irgendwann beginnt, auf eigentlich harmlose Stoffe übermäßig zu reagieren, lohnt es sich, zunächst einen Blick auf die Orte zu werfen, an denen unsere Umwelt überhaupt mit unserem Körper in Berührung kommt, denn sehr vieles von dem, was wir als allergische Reaktion wahrnehmen, beginnt genau dort: an unseren Schleimhäuten.

Wir finden sie im Verdauungstrakt ebenso wie in den Atemwegen, in Nase und Mund, an den Augen und im Urogenitaltrakt, und obwohl wir diese Bereiche gerne getrennt voneinander betrachten, gehören sie funktionell zu einem großen Schutz- und Kommunikationssystem, das jeden Tag darüber mitentscheidet, was aufgenommen, toleriert oder abgewehrt werden muss.

Dabei ist eine Schleimhaut keineswegs nur eine dünne Schutzschicht, die möglichst undurchlässig sein soll, sondern eine hochaktive Grenzfläche, an der ständig Informationen aus der Außenwelt aufgenommen und an das Immunsystem weitergegeben werden. Nahrung, Pollen, Staub, Bakterien, Pilze und unzählige andere Substanzen begegnen uns dort jeden Tag, ohne dass daraus normalerweise eine Entzündung oder allergische Reaktion entstehen muss.

Und genau deshalb halte ich es für zu kurz gedacht, bei einer gereizten Darmschleimhaut ausschließlich auf den Darm, bei einer immer wieder entzündeten Bindehaut nur auf das Auge oder bei einer allergischen Reaktion der Atemwege ausschließlich auf Nase und Bronchien zu schauen. Natürlich muss ein erkranktes Organ zunächst immer medizinisch abgeklärt und, wenn nötig, behandelt werden, aber für die langfristige Regulation dürfen wir uns trotzdem fragen, ob hinter wiederkehrenden Reaktionen verschiedener Schleimhäute möglicherweise ein gemeinsamer Zusammenhang liegt.

Denn Schleimhäute arbeiten nicht für sich allein. Sie stehen in einem fortwährenden Austausch mit dem Immunsystem, mit den Mikroorganismen, die sie besiedeln, und über Blut- und Lymphbahnen mit dem gesamten Organismus. Wird dieses fein abgestimmte Zusammenspiel dauerhaft gestört, kann sich nicht nur die Barriere verändern, sondern möglicherweise auch die Art und Weise, wie das Immunsystem auf seine Umwelt reagiert.
Damit kommen wir zu einem Bereich, der in den vergangenen Jahren immer stärker in den Mittelpunkt der Forschung gerückt ist: unserem Mikrobiom und der Frage, welche Rolle die mikrobielle Vielfalt für die Entwicklung von Toleranz überhaupt spielt.


Das Mikrobiom – wir leben nicht allein.


Wir leben nicht getrennt von unserer Umwelt – wir sind Teil ihrer biologischen Vielfalt.


Wenn wir heute vom Mikrobiom sprechen, denken die meisten Menschen zunächst an den Darm und an die unzähligen Bakterien, die dort leben, doch eigentlich beginnt dieser Zusammenhang sehr viel früher und reicht weit über unseren eigenen Körper hinaus, denn auch die Welt, in der wir leben, ist von Mikroorganismen geprägt.

Wir finden sie im Boden, auf Pflanzen, in der Luft, auf unserer Haut und unseren Schleimhäuten, in unserer Nahrung und natürlich auch in und auf den Tieren, mit denen wir zusammenleben. Mensch und Tier haben sich über sehr lange Zeiträume innerhalb dieser mikrobiellen Vielfalt entwickelt und standen dabei niemals für sich allein, sondern waren immer Teil eines wesentlich größeren biologischen Systems.

Ein Hund, der durch eine Wiese läuft, mit der Nase im Boden nach einer interessanten Spur sucht, durch Laub streift, an Pflanzen schnuppert und anschließend mit Erde an den Pfoten nach Hause kommt, begegnet dabei einer kaum vorstellbaren Vielfalt von Mikroorganismen. Auch wir Menschen waren über einen sehr langen Zeitraum viel unmittelbarer in diese natürlichen Kreisläufe eingebunden, als wir es heute in unserem modernen Alltag häufig noch sind.

Dabei geht es keineswegs darum, Hygiene grundsätzlich infrage zu stellen oder Krankheitserreger zu verharmlosen, denn die Errungenschaften der Hygiene haben unzählige Erkrankungen verhindert und Leben gerettet. Wir müssen jedoch unterscheiden zwischen notwendiger Hygiene und einer Lebensweise, in der der natürliche Kontakt mit einer vielfältigen Umwelt immer weiter verloren geht.

Genau an dieser Stelle wird die moderne Mikrobiomforschung interessant, denn inzwischen wissen wir, dass die Mikroorganismen unseres Körpers nicht einfach nur passive Bewohner sind, sondern in einem fortwährenden Austausch mit uns stehen. Sie beeinflussen unter anderem Stoffwechselprozesse, die Funktion unserer Barrieren und die Kommunikation mit dem Immunsystem, und gerade in den ersten Lebensphasen tragen mikrobielle Kontakte dazu bei, wie sich dieses Immunsystem entwickelt und lernt, mit seiner Umwelt umzugehen.

Die sogenannte Biodiversitätshypothese beschäftigt sich deshalb mit der Frage, ob der zunehmende Verlust biologischer Vielfalt in unserer Umwelt auch Auswirkungen auf die Vielfalt unserer mikrobiellen Kontakte und damit auf die Regulation unseres Immunsystems haben könnte. Dabei geht es nicht um die einfache Gleichung, dass ein bisschen Wald oder Erde vor Allergien schützt, sondern um einen wesentlich komplexeren Zusammenhang zwischen Umwelt, Mikrobiom, Schleimhäuten und immunologischer Toleranz.

Vielleicht liegt genau hier auch ein Grund dafür, weshalb wir das Mikrobiom nicht ausschließlich als eine Ansammlung einzelner Bakterienstämme betrachten sollten, die wir bei Bedarf einfach von außen zuführen können. Natürlich können ausgewählte Probiotika therapeutisch sinnvoll sein, und es gibt Situationen, in denen ich sie ganz bewusst einsetzen würde, aber grundsätzlich interessiert mich zunächst eine andere Frage: Wie sieht das Milieu aus, in dem diese Mikroorganismen leben sollen?

Denn bevor wir versuchen, ein mikrobielles System durch immer neue Bakterien zu verändern, dürfen wir uns fragen, ob wir überhaupt die Bedingungen geschaffen haben, unter denen eine gesunde und vielfältige mikrobielle Gemeinschaft bestehen kann. Eine möglichst natürliche und passende Ernährung, pflanzliche Faserstoffe, Bewegung, Kontakt zur Natur und ein vernünftiger Umgang mit Hygiene gehören für mich deshalb ebenso zur Mikrobiompflege wie die Frage, ob ein Probiotikum notwendig ist.

Dieser Gedanke endet übrigens nicht an der Darmwand, denn auch unsere Haut und unsere Schleimhäute besitzen ihre eigenen mikrobiellen Lebensgemeinschaften und stehen damit unmittelbar an der Grenze zwischen unserem Organismus und seiner Umwelt. Wir sind also nicht einfach ein Körper, der sich gegen eine Welt voller Mikroorganismen verteidigen muss, sondern selbst ein Lebensraum, der seit jeher mit ihnen in Beziehung steht.
Und vielleicht verändert sich dadurch auch unser Blick auf Allergien ein wenig, denn dann lautet die Frage nicht mehr ausschließlich, welcher Stoff bekämpft oder vermieden werden muss, sondern auch, welche Bedingungen möglicherweise verloren gegangen sind, unter denen unser Immunsystem gelernt hat, angemessen mit seiner Umwelt umzugehen.

Das Immunsystem – nicht Stärke, sondern Regulation entscheidet


Gesundheit bedeutet nicht, auf nichts zu reagieren, sondern unterscheiden zu können, was Abwehr braucht und was toleriert werden darf.


Wenn wir über Allergien, wiederkehrende Entzündungen oder eine erhöhte Empfindlichkeit der Schleimhäute sprechen, fällt sehr schnell der Satz, man müsse das Immunsystem stärken, doch genau genommen führt uns dieser Gedanke in die falsche Richtung, denn bei einer Allergie haben wir es nicht mit einem Immunsystem zu tun, das grundsätzlich zu schwach ist, sondern mit einem Immunsystem, das auf einen eigentlich harmlosen Reiz unangemessen stark reagiert.

Die eigentliche Leistung eines gesunden Immunsystems besteht deshalb nicht darin, möglichst viel Abwehr zu produzieren, sondern darin, unterscheiden zu können. Es muss Krankheitserreger erkennen, geschädigte Zellen beseitigen und auf tatsächliche Gefahren reagieren, gleichzeitig aber auch in der Lage sein, Nahrung, körpereigene Strukturen, unsere natürlichen mikrobiellen Mitbewohner und unzählige harmlose Stoffe aus unserer Umwelt zu tolerieren.

Diese Fähigkeit zur Toleranz ist kein passiver Zustand, sondern eine hochkomplexe Regulationsleistung, die unser Organismus ständig neu erbringen muss, und gerade an den Schleimhäuten wird deutlich, wie anspruchsvoll diese Aufgabe eigentlich ist.

Bei einer Allergie verschiebt sich dieses Gleichgewicht. Das Immunsystem bewertet einen eigentlich ungefährlichen Stoff wie Pollen, Bestandteile von Gräsern oder bestimmte Nahrungsproteine als Bedrohung und setzt eine Abwehrreaktion in Gang, obwohl objektiv keine entsprechende Gefahr besteht. Die sichtbaren Symptome an Haut, Augen, Atemwegen oder Verdauungstrakt sind letztlich Ausdruck dieser Reaktion, aber sie erzählen noch nicht die ganze Geschichte darüber, warum die Toleranz gegenüber diesem Reiz verloren gegangen ist.

Und genau deshalb interessiert mich bei einem Menschen oder Tier mit wiederkehrenden allergischen Reaktionen nicht nur die Frage, welcher Auslöser gefunden werden kann. Ich möchte wissen, wie es dem gesamten System geht, das an dieser Regulation beteiligt ist. Wie stabil sind die Schleimhäute, wie sieht das Darmmilieu aus, welche Nahrung bekommt der Organismus, wie vielfältig sind seine mikrobiellen Kontakte, welche Belastungen wirken dauerhaft auf ihn ein und welche Möglichkeiten besitzt er überhaupt noch, wieder in seine eigene Regulation zurückzufinden?

Natürlich bedeutet das nicht, dass wir einen bekannten Allergieauslöser einfach ignorieren sollten oder eine notwendige medizinische Behandlung durch Lebensstil und Ernährung ersetzen könnten. Gerade starke allergische Reaktionen können eine konsequente medizinische Behandlung notwendig machen. Für die langfristige Betrachtung reicht es mir dennoch nicht aus, ausschließlich den Auslöser zu meiden oder die Immunreaktion zu unterdrücken, denn damit haben wir noch nicht beantwortet, warum der Organismus seine Toleranz gegenüber einem ursprünglich harmlosen Umweltreiz verloren hat.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich unser Immunsystem nicht irgendwo abgeschottet an einem einzelnen Ort befindet. Immunzellen wandern durch den Körper, Schleimhäute stehen miteinander in Verbindung, Informationen werden weitergegeben und verarbeitet, und ein großer Teil dieser Kommunikation findet in Geweben und Strukturen statt, denen wir im Alltag erstaunlich wenig Aufmerksamkeit schenken.
Damit kommen wir zu einem System, das für mich bei der Betrachtung chronischer und wiederkehrender Reaktionen viel häufiger mitgedacht werden sollte: dem Lymphsystem.

Das Lymphsystem – die oft übersehene Verbindung

Wenn wir über das Immunsystem sprechen, kommen wir am Lymphsystem eigentlich nicht vorbei, und trotzdem wird es erstaunlich häufig erst dann wahrgenommen, wenn Lymphknoten anschwellen oder sich Flüssigkeit im Gewebe staut. Dabei ist das lymphatische System weit mehr als eine Art Abfluss für überschüssige Gewebsflüssigkeit, denn es gehört ganz unmittelbar zu unserer Immunabwehr und verbindet Gewebe, Schleimhäute und Immunorgane miteinander.

Unsere kleinsten Blutgefäße geben fortwährend Flüssigkeit und darin gelöste Stoffe an das umliegende Gewebe ab, wo die Versorgung unserer Zellen stattfindet. Ein großer Teil dieser Flüssigkeit gelangt wieder unmittelbar in den Blutkreislauf zurück, während ein anderer Teil von den feinen Lymphgefäßen aufgenommen und schließlich ebenfalls wieder dem Blutkreislauf zugeführt wird. Auf diesem Weg transportiert die Lymphe jedoch nicht einfach nur Flüssigkeit, sondern auch Proteine, Zellbestandteile, Immunzellen und Informationen aus dem Gewebe.

Besonders interessant wird dieser Zusammenhang an unseren Schleimhäuten, denn gerade dort muss das Immunsystem ständig entscheiden, wie es auf das reagieren soll, was aus der Außenwelt auf uns trifft. Im Darm, in den Atemwegen und an anderen Schleimhautflächen befinden sich deshalb große Mengen lymphatischen Gewebes und spezialisierter Immunzellen, die Fremdstoffe und mikrobielle Signale aufnehmen, prüfen und entsprechende Immunreaktionen mitsteuern.

Die Lymphknoten sind dabei keine einfachen Filterstationen, wie es manchmal verkürzt dargestellt wird, sondern hochaktive Orte der Immunbegegnung. Hier treffen Informationen aus dem Gewebe auf verschiedene Zellen des Immunsystems, hier werden Immunantworten vorbereitet und reguliert, und hier entscheidet sich mit, ob und in welcher Form der Organismus auf einen bestimmten Reiz reagieren wird.

Für mich ist das ein wichtiger Gedanke, weil dadurch noch einmal deutlich wird, wie wenig sinnvoll es eigentlich ist, Haut, Darm, Schleimhäute und Immunsystem vollkommen getrennt voneinander zu betrachten. Zwischen diesen Bereichen findet ein ständiger Austausch statt, und das lymphatische System ist ein wesentlicher Teil dieser Verbindung.

Auch Bewegung bekommt in diesem Zusammenhang eine ganz andere Bedeutung, denn anders als der Blutkreislauf besitzt das Lymphgefäßsystem keine zentrale Pumpe wie das Herz. Der Transport der Lymphe wird unter anderem durch Muskelbewegung, Atmung und die Eigenbewegung der Lymphgefäße unterstützt, weshalb regelmäßige Bewegung nicht nur für Muskeln, Gelenke und Kreislauf wichtig ist, sondern auch ganz selbstverständlich zu einer gesunden lymphatischen Funktion gehört.

Wenn ich also bei einem Menschen oder Tier langfristig auf Regulation schaue, interessiert mich auch dieser Bereich. Nicht im Sinne eines unspezifischen „Entgiftens“, sondern mit der Frage, ob Gewebeversorgung, Bewegung, Schleimhautgesundheit und Immunregulation gute Bedingungen vorfinden, um ihre physiologischen Aufgaben erfüllen zu können.

Und damit schließt sich langsam ein Kreis, denn plötzlich stehen Darm, Haut, Augen, Atemwege, Mikrobiom, Immunsystem und Lymphe nicht mehr als einzelne Systeme nebeneinander, sondern werden als Teile eines Organismus sichtbar, der fortwährend mit seiner Umwelt kommuniziert und dessen Gesundheit wesentlich davon abhängt, wie gut diese Kommunikation reguliert werden kann.
Vielleicht ist deshalb die entscheidende Frage bei Allergien langfristig nicht nur, was der Organismus nicht mehr verträgt, sondern was ihm fehlt, um wieder besser tolerieren zu können.

Gesundheit braucht ein Milieu, in dem sie entstehen kann

Wenn wir all diese Zusammenhänge betrachten, stellt sich irgendwann ganz automatisch die Frage, was wir daraus für unseren Alltag mitnehmen können, und vielleicht liegt die Antwort weniger darin, immer noch ein weiteres Mittel hinzuzufügen, sondern zunächst einmal genauer hinzuschauen, unter welchen Bedingungen Mensch und Tier heute eigentlich leben.

Unser Organismus ist nicht unabhängig von seiner Umgebung entstanden. Über unzählige Generationen gehörten Bewegung, Tageslicht, wechselnde Temperaturen, Kontakt zu Erde und Pflanzen, eine vielfältige Nahrung und die Begegnung mit einer großen Zahl unterschiedlicher Mikroorganismen ganz selbstverständlich zum Leben dazu. Auch unsere Tiere waren ursprünglich nicht dafür gemacht, den größten Teil ihres Lebens auf leicht zu reinigenden Oberflächen zu verbringen, möglichst wenig mit Schmutz in Berührung zu kommen und Nahrung zu bekommen, die zwar alle berechneten Nährstoffe enthält, biologisch aber nur noch wenig Vielfalt bietet.

Das bedeutet natürlich nicht, dass wir romantisch in eine vermeintlich bessere Vergangenheit zurückkehren oder auf die Errungenschaften moderner Medizin und Hygiene verzichten sollten. Natürlich brauchen wir sauberes Trinkwasser, Lebensmittelhygiene, Medikamente und Antibiotika, wenn sie medizinisch notwendig sind, und selbstverständlich müssen wir einen kranken Organismus behandeln. Problematisch wird es für mich erst dort, wo wir aus dem sinnvollen Schutz vor Krankheit die Vorstellung entwickeln, Gesundheit entstehe vor allem dadurch, dass wir möglichst viele Einflüsse aus unserer Umwelt fernhalten.

Denn ein Immunsystem entwickelt seine Regulationsfähigkeit nicht im luftleeren Raum. Es braucht Begegnung, es braucht Informationen und es braucht ein Umfeld, in dem Haut, Schleimhäute und die dort lebenden Mikroorganismen ihre natürlichen Aufgaben erfüllen können.

Auch beim Darm beginnt dieser Gedanke für mich nicht automatisch mit einem Probiotikum. Natürlich gibt es gut untersuchte Bakterienstämme, die in bestimmten Situationen sehr sinnvoll eingesetzt werden können, aber bevor ich versuche, einzelne Mikroorganismen von außen zuzuführen, interessiert mich zunächst das Milieu, das sie dort vorfinden. Was bekommt der Organismus täglich zu essen, stehen den vorhandenen Darmbakterien unterschiedliche Faserstoffe als Nahrung zur Verfügung, sind die Schleimhäute stabil, bewegt sich der Mensch oder das Tier ausreichend und gibt es einen natürlichen Rhythmus aus Aktivität und Ruhe?

Gerade pflanzliche Faserstoffe können hier eine wichtige Rolle spielen, weil Darmbakterien aus fermentierbaren Bestandteilen unter anderem kurzkettige Fettsäuren wie Acetat, Propionat und Butyrat bilden können. Diese mikrobiellen Stoffwechselprodukte stehen in enger Verbindung mit der Funktion des Darmepithels und immunologischen Regulationsprozessen und zeigen sehr schön, warum es manchmal sinnvoller sein kann, zunächst den Lebensraum der vorhandenen Mikroorganismen zu pflegen, anstatt sofort möglichst viele neue Bakterienstämme hinzuzufügen.

Dasselbe Prinzip können wir auch auf die äußeren Körperflächen übertragen, denn das Mikrobiom endet nicht am Darmausgang. Haut und Fell unserer Tiere besitzen ebenso ihre eigenen mikrobiellen Gemeinschaften, und auch dort halte ich es für sinnvoll, nicht ständig alles entfernen, desinfizieren oder verändern zu wollen, solange dafür keine medizinische Notwendigkeit besteht. Ein Hund darf nach Wald riechen, Erde an den Pfoten haben, durch eine Wiese laufen und mit seiner Umwelt in Berührung kommen, denn genau diese Umwelt gehört zu seinem natürlichen Lebensraum.
Vielleicht müssen wir deshalb Gesundheit manchmal wieder etwas einfacher denken. Nicht einfacher im Sinne von oberflächlich, denn die biologischen Vorgänge dahinter sind hochkomplex, sondern einfacher in der Frage, welche grundlegenden Bedingungen ein Organismus benötigt: passende Nahrung, Bewegung, Schlaf und Ruhe, Tageslicht, Naturkontakt, eine möglichst vielfältige Umwelt und einen vernünftigen Umgang mit all den Möglichkeiten, die uns die moderne Medizin und Hygiene heute bieten.

Je mehr ich mich mit diesen Zusammenhängen beschäftige, desto weniger interessiert mich deshalb die Vorstellung, ein Immunsystem einfach „stärken“ zu können. Viel interessanter finde ich die Frage, wie wir leben müssen, damit der Organismus möglichst wenig daran gehindert wird, seine eigene Regulationsfähigkeit zu erhalten.

Denn vielleicht entsteht Gesundheit am Ende nicht dadurch, dass wir dem Körper immer mehr hinzufügen, sondern sehr häufig dadurch, dass wir ihm wieder bessere Bedingungen geben, das zu tun, was er von Natur aus kann: sich anpassen, unterscheiden, tolerieren und regulieren.

Auch unsere Räume besitzen ein mikrobielles Milieu


Auch unsere Wohnräume sind Lebensräume – und keineswegs mikrobiell neutral. 


Wenn wir den Gedanken des Mikrobioms wirklich zu Ende denken, dürfen wir eigentlich nicht an der Haut oder am Fell aufhören, denn Mensch und Tier verbringen einen großen Teil ihres Lebens in Räumen, und auch diese Räume besitzen ihre eigene mikrobielle Umwelt.

Unsere Böden, Möbel, Textilien, Hundebetten und viele andere Oberflächen sind keineswegs steril, sondern werden fortwährend von Mikroorganismen besiedelt, die wir Menschen und unsere Tiere selbst mitbringen oder die über Außenluft, Staub, Pflanzen, Wasser und viele andere Wege in unsere Wohnräume gelangen. Welche mikrobiellen Gemeinschaften sich dort entwickeln, hängt unter anderem vom Material, von Feuchtigkeit und Belüftung, von den Bewohnern eines Hauses und natürlich auch davon ab, wie wir diese Räume reinigen.

Genau deshalb finde ich den Gedanken interessant, auch bei der Reinigung und Pflege unserer unmittelbaren Umgebung nicht grundsätzlich nach dem Prinzip vorzugehen, möglichst alles mikrobielle Leben beseitigen zu wollen. Natürlich gibt es Situationen, in denen Desinfektion notwendig und richtig ist, und insbesondere bei ansteckenden Erkrankungen gelten vollkommen andere Regeln, aber ein normaler Wohnraum ist weder ein Operationssaal noch sollte er einer sein.

Aus diesem Gedanken heraus arbeite ich persönlich gerne mit Mischungen sogenannter Effektiver Mikroorganismen und setze sie beispielsweise auf geeigneten Liegeflächen, Textilien oder auch bei der Fellpflege meiner Tiere ein. Dabei geht es mir nicht darum, einen Raum mit bestimmten Bakterien „gesund zu sprühen“, und ebenso wenig möchte ich behaupten, dass sich damit Allergien verhindern lassen. Mich interessiert vielmehr der ökologische Gedanke dahinter, eine vorhandene mikrobielle Gemeinschaft nicht ausschließlich durch immer stärkere antimikrobielle Maßnahmen zu beeinflussen, sondern auch darüber nachzudenken, ob ein vielfältiges und stabiles mikrobielles Milieu unterstützt werden kann.

Spannend ist, dass sich inzwischen auch die Wissenschaft mit solchen Fragen beschäftigt. Die Forschung zum Mikrobiom unserer Innenräume zeigt sehr deutlich, dass Gebäude keine mikrobiell neutralen Räume sind, sondern eigene Ökosysteme darstellen, deren Zusammensetzung durch Menschen, Tiere, Außenwelt, Materialien und unsere Art der Reinigung beeinflusst wird. Auch sogenannte probiotische Reinigungsverfahren werden untersucht, wobei Studien zeigen, dass sich die mikrobiellen Gemeinschaften auf behandelten Oberflächen dadurch verändern lassen.

Dabei müssen wir allerdings unterscheiden: Die bisher untersuchten probiotischen Reinigungsverfahren sind nicht automatisch mit den Mischungen Effektiver Mikroorganismen gleichzusetzen, mit denen beispielsweise im privaten Haushalt gearbeitet wird, und für viele der daraus abgeleiteten gesundheitlichen Wirkungen fehlen bislang belastbare Untersuchungen.

Trotzdem finde ich die dahinterstehende Frage ausgesprochen interessant, denn sie führt uns wieder zu dem Gedanken zurück, der sich durch diesen gesamten Artikel zieht: Müssen wir Gesundheit wirklich immer dadurch herstellen, dass wir etwas beseitigen, oder sollten wir manchmal stärker darüber nachdenken, welches Milieu wir entstehen lassen?

Für mich gehört deshalb auch die unmittelbare Lebensumgebung zu einer integrativen Betrachtung dazu. Nicht mit dem Anspruch, unsere Wohnung künstlich mit Mikroorganismen zu besiedeln, sondern mit einem vernünftigen Verhältnis zwischen notwendiger Hygiene und dem Bewusstsein dafür, dass Mensch und Tier auch innerhalb unserer Häuser Teil einer mikrobiellen Welt bleiben.
Und trotzdem ist jeder Organismus anders.

So überzeugend die Zusammenhänge zwischen natürlicher Umwelt, mikrobieller Vielfalt, Schleimhäuten und Immunsystem auch sind, wäre es zu einfach, daraus den Umkehrschluss zu ziehen, dass ein Mensch oder Tier nur möglichst natürlich leben müsse und damit automatisch vor Allergien geschützt sei, denn so funktioniert Biologie nicht.

Jeder Organismus bringt seine eigene Geschichte mit, und diese Geschichte beginnt lange bevor die ersten Symptome sichtbar werden. Genetische Veranlagungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Bedingungen während Schwangerschaft und Geburt, die frühe mikrobielle Besiedlung, Ernährung, Infektionen, Medikamente, Umweltbelastungen und viele weitere Einflüsse, die im Laufe eines Lebens auf das Immunsystem einwirken und seine Entwicklung mitprägen können.

Für mich gehört an diese Stelle aber noch etwas anderes, das sich nicht vollständig mit genetischer Veranlagung beschreiben lässt: die Konstitution eines Menschen oder Tieres. In der paracelsischen Medizin betrachten wir den Organismus nicht als ein neutrales System, das bei jedem Menschen und jedem Tier unter denselben Bedingungen gleich reagiert, sondern fragen danach, welche grundlegende Prägung er mitbringt, wo seine besonderen Fähigkeiten liegen und an welchen Stellen er leichter aus seiner Regulation geraten kann.

In der Lehre nach Paracelsus werden beispielsweise Biotyp 1, 3 und 5 Konstitutionen mit unterschiedlichen Reaktionsmustern verbunden, zu denen je nach Typ auch eine größere Bereitschaft zu entzündlichen Prozessen, Unverträglichkeiten oder allergischen Reaktionen gezählt wird. Diese konstitutionelle Betrachtungsweise gehört für mich zur traditionellen paracelsischen Medizin und darf nicht mit den Erkenntnissen der modernen Immunologie gleichgesetzt werden, denn für die einzelnen Biotypen und ihre beschriebenen Krankheitsneigungen gibt es nicht dieselbe wissenschaftliche Evidenz wie etwa für genetische Risikofaktoren, Barriereveränderungen oder bestimmte immunologische Mechanismen einer Allergie.
Trotzdem ist die dahinterstehende Frage für meine Arbeit wesentlich: Warum reagiert der eine Organismus unter denselben Bedingungen anders als der andere? 

Und noch eine weitere Ebene gehört für mich dazu, gerade wenn wir über unsere Tiere sprechen. Ein Tier lebt nicht losgelöst von seinem Menschen, sondern innerhalb eines Beziehungs- und Lebenssystems, das seinen Alltag, seinen Rhythmus und auch sein Erregungsniveau wesentlich mitbestimmt. Wenn ein Organismus dauerhaft angespannt ist, wenig echte Ruhe findet oder ständig in erhöhter Wachsamkeit lebt, bleibt das nicht vollkommen ohne körperliche Folgen, denn Nervensystem, hormonelle Stressregulation, Immunsystem, Darm und Schleimhäute arbeiten nicht unabhängig voneinander.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass der Mensch die Allergie seines Tieres verursacht. Eine solche einfache Zuschreibung würde weder der Biologie noch der Beziehung zwischen Mensch und Tier gerecht. Es bedeutet vielmehr, dass wir bei einem chronisch reagierenden Organismus auch danach schauen dürfen, wie viel Regulation und wie viel dauerhafte Anpassungsleistung sein tägliches Leben von ihm verlangt.

Gerade die ersten Lebensphasen besitzen dabei eine besondere Bedeutung, weil sich das Immunsystem in dieser Zeit entwickelt und mikrobielle, ernährungsbedingte und andere Umwelteinflüsse diese Entwicklung mitprägen können. Welche Mikroorganismen begegnen dem jungen Organismus, wie vielfältig ist seine Umgebung, welche Nahrung bekommt er, welche Infektionen erlebt er und welche medizinischen Eingriffe sind notwendig? All diese Faktoren stehen nicht für sich allein, sondern treffen auf ein System, das sich gleichzeitig noch in seiner Entwicklung befindet.

Auch deshalb finde ich es schwierig, bei einer Allergie nach der einen Ursache zu suchen. Vielleicht besteht eine genetische Bereitschaft, vielleicht bringt der Organismus aufgrund seiner Konstitution bestimmte Empfindlichkeiten mit, vielleicht hat sich das Mikrobiom nach einer notwendigen Antibiotikatherapie verändert, vielleicht ist eine Schleimhaut schon länger gereizt oder das gesamte System befindet sich seit längerer Zeit in erhöhter Anspannung. Und vielleicht ist es, wie so häufig, nicht ein einzelner Faktor, sondern das Zusammentreffen verschiedener Einflüsse, durch das ein Organismus irgendwann seine bisherige Regulationsfähigkeit nicht mehr vollständig aufrechterhalten kann.

Biologische Systeme reagieren eben selten nach dem einfachen Prinzip von Ursache und Wirkung. Sie besitzen eine Vorgeschichte, eine individuelle Reaktionsweise und eine bestimmte Fähigkeit, Belastungen auszugleichen, und genau deshalb können zwei Menschen oder zwei Tiere unter scheinbar ähnlichen Lebensbedingungen vollkommen unterschiedlich reagieren.

Das bedeutet auch, dass wir Medikamente nicht grundsätzlich zum Gegner erklären dürfen. Ein Antibiotikum kann das Darmmikrobiom verändern, und dennoch kann genau dieses Antibiotikum in einer bestimmten Situation lebensrettend und damit vollkommen richtig sein. Eine entzündungshemmende oder antiallergische Behandlung kann notwendig sein, um einen Organismus aus einer akuten Reaktion herauszuholen, auch wenn wir uns anschließend zusätzlich damit beschäftigen möchten, warum diese Reaktionsbereitschaft überhaupt entstanden ist.
Für mich schließen sich diese beiden Ebenen nicht aus. Wir können eine akute Erkrankung behandeln und gleichzeitig langfristig versuchen, die Bedingungen zu verbessern, unter denen der Organismus wieder stabiler regulieren kann.

Und genauso wenig sollten wir Menschen oder Tierhaltern vermitteln, sie hätten eine Allergie durch eine falsche Lebensweise selbst verursacht. Wir können die Vergangenheit nicht verändern und viele Einflüsse überhaupt nicht kontrollieren. Was wir beeinflussen können, sind die Bedingungen, die wir einem Organismus heute anbieten.

Sie bilden gemeinsam das Umfeld, in dem Regulation stattfinden muss.

Und damit kommen wir für mich zu einem entscheidenden Gedanken dieses ganzen Themas: Eine Allergie entsteht nicht an einem einzigen Ort, und deshalb sollten wir auch bei ihrer langfristigen Begleitung nicht nur an einem einzigen Ort suchen.
Den Organismus wieder als Ganzes sehen.

Wenn wir all diese Zusammenhänge ernst nehmen, bedeutet ganzheitliches Arbeiten für mich nicht, bei einer Allergie möglichst viele verschiedene Mittel einzusetzen und gleichzeitig Darm, Leber, Lymphe, Immunsystem und Nervensystem „behandeln“ zu wollen, sondern zunächst herauszufinden, an welcher Stelle ein Organismus seine Regulation nicht mehr ausreichend aufrechterhalten kann.

Denn nur weil verschiedene Systeme miteinander verbunden sind, bedeutet das nicht, dass sie alle gleichzeitig Unterstützung benötigen.
Ich arbeite deshalb gerne mit dem Gedanken verschiedener Regulationsachsen, die zwar miteinander kommunizieren, aber bei jedem Menschen und jedem Tier unterschiedlich gewichtet sein können. Bei dem einen liegt die größere Empfindlichkeit vielleicht im Bereich von Darm, Mikrobiom und Schleimhaut, bei einem anderen stehen Lymphfluss, Gewebe und entzündliche Prozesse stärker im Vordergrund, während bei einem dritten das Nervensystem und die vegetative Regulation kaum noch aus einer dauerhaften Anspannung herausfinden.

Und genau hier spielt für mich auch die Konstitution wieder eine wichtige Rolle, denn sie hilft mir zu verstehen, welche Bereiche ein Organismus von sich aus gut kompensieren kann und wo seine individuelle Empfindlichkeit liegt. Nicht jeder Mensch und nicht jedes Tier braucht deshalb bei denselben Symptomen dieselbe Unterstützung, selbst wenn die medizinische Diagnose zunächst identisch lautet.

Das verändert auch meinen Blick auf therapeutische Mittel. Ein Probiotikum kann wunderbar passen, wenn die Darm- und Schleimhautachse tatsächlich Unterstützung benötigt, aber es muss nicht automatisch die richtige Antwort sein, nur weil jemand eine Allergie hat. Genauso wenig braucht jeder Organismus eine sogenannte „Entgiftung“, eine Lymphanregung oder eine Vielzahl von Nahrungsergänzungen, nur weil diese grundsätzlich interessante Wirkungen besitzen.

Manchmal beginnt Regulation sehr viel unspektakulärer, beispielsweise mit einer Ernährung, die wieder zum Organismus passt, mit Faserstoffen, die das vorhandene Darmmikrobiom ernähren, mit ausreichender Bewegung und Ruhe oder damit, einem dauerhaft angespannten Nervensystem überhaupt wieder die Möglichkeit zu geben, zwischen Aktivität und Entspannung zu wechseln. Bei einem Tier kann dazu auch gehören, seinen Alltag und seine Beziehung zum Menschen anzuschauen und sich zu fragen, ob es genügend Raum für Schlaf, Rückzug, eigene Entscheidungen und ein Verhalten bekommt, das seinem Wesen entspricht.

Für mich bedeutet integrative Therapie deshalb nicht, möglichst viel zu tun, sondern genauer hinzuschauen, bevor ich etwas tue.
Welche Regulationsachse braucht tatsächlich Unterstützung, welche funktioniert noch gut und sollte deshalb auch in Ruhe gelassen werden, und wo können wir vielleicht zunächst die Bedingungen verändern, anstatt unmittelbar in einen Prozess einzugreifen?
Denn ein Organismus ist kein Uhrwerk, bei dem wir jedes vermeintlich fehlerhafte Zahnrad einzeln austauschen müssen. Er ist ein lebendiges, anpassungsfähiges System, das fortwährend versucht, Gleichgewicht herzustellen und auf Veränderungen seiner inneren und äußeren Umwelt zu reagieren.

Therapie bedeutet für mich deshalb nicht, diese Regulation zu übernehmen.

Sie bedeutet, herauszufinden, was sie behindert und was der Organismus braucht, damit er sie wieder selbst leisten kann.
Oder, um es mit einem Satz zu sagen, der meine Arbeit schon lange begleitet:
Regulation lässt sich nicht erzwingen – sie lässt sich nur ermöglichen.

Vielleicht müssen wir die Frage anders stellen.
Wenn wir am Ende noch einmal zu unserer ursprünglichen Frage zurückkehren, warum heute so viele Menschen und Tiere unter Allergien und Unverträglichkeiten leiden, dann gibt es darauf keine einzelne und schon gar keine einfache Antwort. Zu viele Faktoren greifen ineinander, und jeder Organismus bringt seine eigene Geschichte, seine Konstitution und seine ganz persönliche Fähigkeit mit, auf Veränderungen und Belastungen zu reagieren.

Was wir heute aber immer besser verstehen, ist, dass Immunsystem, Mikrobiom, Schleimhäute, Nervensystem und lymphatisches System nicht unabhängig voneinander arbeiten und dass auch die Umwelt, in der ein Mensch oder Tier lebt, Teil dieses Zusammenspiels ist. Ernährung, mikrobielle Vielfalt, Bewegung, Ruhe, Naturkontakt und beim Tier auch die Gestaltung seines Alltags und seiner Beziehung zum Menschen schaffen Bedingungen, auf die der Organismus fortwährend reagieren muss.

Vielleicht ist deshalb schon die Frage, was wir gegen eine Allergie tun können, zu klein gestellt.
Natürlich müssen wir wissen, worauf ein Mensch oder Tier reagiert, natürlich müssen belastende Auslöser dort reduziert werden, wo es notwendig und möglich ist, und selbstverständlich braucht eine akute allergische Reaktion eine angemessene Behandlung. Wenn wir aber langfristig verstehen möchten, warum ein Organismus seine Toleranz gegenüber etwas verloren hat, das für einen anderen vollkommen harmlos bleibt, dürfen wir unseren Blick weiter werden lassen.

Dann interessiert uns nicht mehr ausschließlich das Allergen, sondern der Mensch oder das Tier, das darauf reagiert.
Wir schauen auf seine Konstitution und seine Vorgeschichte, auf Darm und Schleimhäute, auf sein mikrobielles Milieu, auf Immunsystem und Lymphe, auf Ernährung und Lebensumfeld und ebenso darauf, ob ein Organismus noch zwischen Anspannung und Entspannung wechseln kann oder einen großen Teil seines Lebens damit verbringt, sich an Bedingungen anzupassen, die ihm wenig Raum für eigene Regulation lassen.

Und vielleicht kommen wir dabei irgendwann zu einer sehr einfachen Erkenntnis zurück: Ein gesunder Organismus braucht nicht möglichst wenig Kontakt mit seiner Umwelt, sondern die Fähigkeit, mit ihr in Beziehung zu treten, sich an sie anzupassen und unterscheiden zu können, was tatsächlich gefährlich ist und was er tolerieren darf.

Gerade deshalb bedeutet ein natürlicheres Leben für mich auch nicht, Medizin abzulehnen, auf notwendige Hygiene zu verzichten oder zu glauben, wir müssten nur wieder barfuß durch den Wald laufen und alle Allergien würden verschwinden. Es bedeutet vielmehr, die biologischen Bedürfnisse von Mensch und Tier wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen und dem Organismus Bedingungen anzubieten, unter denen seine eigenen Regulationsmechanismen möglichst gut arbeiten können.
Vielleicht sollten wir deshalb bei einer Allergie nicht nur fragen:
„Wogegen reagiert dieser Organismus?“

Sondern sehr viel häufiger auch:
„Was braucht dieser Organismus, damit er wieder besser regulieren und tolerieren kann?“

Denn Gesundheit bedeutet nicht, niemals auf etwas zu reagieren.
Gesundheit bedeutet auch, zu wissen, wann eine Reaktion notwendig ist – und wann nicht.


Und genau dort beginnt für mich Regulation.


Regulation lässt sich nicht erzwingen – sie lässt sich nur ermöglichen. 




Wissenschaftliche Literatur und weiterführende Quellen
Hanski I, von Hertzen L, Fyhrquist N et al. (2012). Environmental biodiversity, human microbiota, and allergy are interrelated. Proceedings of the National Academy of Sciences, 109(21), 8334–8339. DOI: 10.1073/pnas.1205624109.
Stein MM, Hrusch CL, Gozdz J et al. (2016). Innate Immunity and Asthma Risk in Amish and Hutterite Farm Children. New England Journal of Medicine, 375(5), 411–421. DOI: 10.1056/NEJMoa1508749.
Akdis CA (2021). Does the epithelial barrier hypothesis explain the increase in allergy, autoimmunity and other chronic conditions? Nature Reviews Immunology, 21(11), 739–751. DOI: 10.1038/s41577-021-00538-7.
Mann ER, Lam YK, Uhlig HH (2024). Short-chain fatty acids: linking diet, the microbiome and immunity. Nature Reviews Immunology, 24, 577–595. DOI: 10.1038/s41577-024-01014-8.
Gilbert JA, Hartmann EM (2024). The indoors microbiome and human health. Nature Reviews Microbiology, 22(12), 742–755. DOI: 10.1038/s41579-024-01077-3.
Stone W, Tolmay J, Tucker K, Wolfaardt GM (2020). Disinfectant, Soap or Probiotic Cleaning? Surface Microbiome Diversity and Biofilm Competitive Exclusion. Microorganisms, 8(11), 1726. DOI: 10.3390/microorganisms8111726.
Santoro D, Saridomichelakis M, Eisenschenk M et al.; International Committee on Allergic Diseases of Animals (2024). Update on the skin barrier, cutaneous microbiome and host defence peptides in canine atopic dermatitis. Veterinary Dermatology, 35(1), 5–14. DOI: 10.1111/vde.13215.
Gentry CM (2025). Updates on the Pathogenesis of Canine Atopic Dermatitis and Feline Atopic Skin Syndrome: Part 2, the Skin Barrier, the Microbiome, and Immune System Dysfunction. Veterinary Clinics of North America: Small Animal Practice, 55(2), 173–187. DOI: 10.1016/j.cvsm.2024.11.002.
Misiak B et al. (2025). Chronic stress, gut microbiota, and immunity: interconnections and implications for health. Molecular and Cellular Biochemistry. DOI: 10.1007/s11010-025-05376-y.

Zur Einordnung der unterschiedlichen Betrachtungsebenen
Die Betrachtung von Biodiversität, Naturkontakt und menschlicher Gesundheit, wie sie unter anderem Clemens G. Arvay aufgegriffen hat, sowie Anne Katharina Zschockes Beschäftigung mit Mikroorganismen, Mikrobiom und Milieu waren gedankliche Anregungen für diesen Artikel. Ihre Ansätze wurden hier nicht übernommen oder zitiert, sondern mit Erkenntnissen aus Immunologie, Mikrobiom- und Allergieforschung in einen eigenen integrativen Zusammenhang gestellt.

Die im Artikel beschriebene paracelsische Betrachtung von Konstitution und Biotypen gehört zur traditionellen beziehungsweise integrativen Medizin und besitzt nicht dasselbe wissenschaftliche Evidenzniveau wie die genannten immunologischen, mikrobiologischen und physiologischen Zusammenhänge.

Auch die Anwendung Effektiver Mikroorganismen im häuslichen Umfeld ist von den wissenschaftlich untersuchten Verfahren der probiotischen Reinigung zu unterscheiden. Die Forschung zum Indoor-Mikrobiom und zu mikrobiell basierten Reinigungsverfahren liefert interessante Anknüpfungspunkte, belegt jedoch nicht automatisch die gesundheitlichen Wirkungen kommerzieller EM-Mischungen.


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22. Juni 2026

Nicht alles was sich im Körper zeigt, entsteht im Körper




Viele Menschen suchen die Ursache eines Problems genau dort, wo sich die Beschwerden zeigen. Zeigt ein Hund Bauchgeräusche, richtet sich der Blick auf den Verdauungstrakt. Reagiert die Haut empfindlich, wird nach Auslösern auf der Haut gesucht. Treten Verspannungen oder Bewegungseinschränkungen auf, konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf Muskeln, Gelenke oder Knochen. Auch beim Menschen geschieht oft genau dasselbe.

Wir suchen die Ursache dort, wo der Körper am lautesten spricht.

Doch der Organismus arbeitet nicht in Einzelteilen.

Nicht jedes Symptom beginnt an dem Ort, an dem es sichtbar wird. Häufig erzählt uns der Körper die Geschichte einer Belastung, die viel früher begonnen hat und sich über längere Zeit durch das gesamte System bewegt hat.
Nehmen wir als Beispiel einen Hund oder auch einen Menschen, dessen Bewegungsapparat an einer Stelle dauerhaft mehr Belastung tragen muss. Vielleicht fehlt Stabilität in einem Gelenk, vielleicht hat sich die Statik des Körpers über Jahre verändert oder eine alte Verletzung wird unbewusst ausgeglichen. Um trotzdem handlungsfähig zu bleiben, organisiert sich der Organismus neu. Die Muskulatur übernimmt zusätzliche Aufgaben, andere Bereiche beginnen zu kompensieren, Spannungen verlagern sich und der Körper versucht, trotz der veränderten Voraussetzungen Ordnung aufrechtzuerhalten.

Diese Kompensationen sind zunächst keine Fehler. Sie sind intelligente Anpassungsleistungen eines lebendigen Systems.

Doch jede Kompensation hat ihren Preis. Wird die Körpermitte dauerhaft zur inneren Stütze, verändert sich häufig auch die Beweglichkeit im Bauchraum. Das Zwerchfell verliert einen Teil seiner freien Schwingungsfähigkeit, die Organbeweglichkeit verändert sich und auch das vegetative Nervensystem reagiert auf die erhöhte Grundspannung. Bauchgeräusche, Verdauungsbeschwerden, Übelkeit oder ein empfindlicher Magen können dann Ausdruck eines Prozesses sein, dessen Ursprung möglicherweise gar nicht im Verdauungstrakt liegt.

Der Bewegungsapparat, das Nervensystem, die Verdauung und die inneren Organe stehen nicht nebeneinander. Sie bilden eine gemeinsame Regulationsachse.





Gleichzeitig lebt kein Lebewesen völlig isoliert. Auch Beziehungen, das soziale Umfeld und die Menschen oder Tiere, mit denen wir eng verbunden sind, wirken auf unsere Regulationsfähigkeit ein und können Belastungen ebenso verstärken wie Entlastung ermöglichen.





Deshalb lohnt es sich immer wieder, eine andere Frage zu stellen. Muss der Bereich, der gerade Symptome zeigt, vielleicht etwas kompensieren, das an einer ganz anderen Stelle begonnen hat?

Vielleicht liegt hier auch eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Wir haben uns daran gewöhnt, schnelle Lösungen zu erwarten. Tritt ein Problem auf, möchten wir es möglichst rasch beseitigen. 

Doch Regulation folgt selten der Geschwindigkeit unserer Wünsche.

Ein Organismus braucht Zeit. Zeit, um Belastungen zu verarbeiten, neue Erfahrungen zu integrieren und verlorene Ordnung Schritt für Schritt wiederzufinden. Wie schnell dies gelingt, ist dabei so individuell wie der Mensch oder das Tier selbst. Manche Veränderungen werden innerhalb weniger Wochen sichtbar, andere benötigen Monate oder sogar Jahre.

Gesundheit entsteht deshalb nicht immer dort, wo etwas möglichst schnell verschwindet. Oft entsteht sie dort, wo ein Organismus die Zeit erhält, die er braucht, um wieder in seine eigene Ordnung zurückzufinden.

Diese Betrachtungsweise wird noch deutlicher, wenn wir erkennen, dass Lebewesen sehr unterschiedlich mit Belastungen umgehen.

Manche Tiere und Menschen nehmen Reize schnell auf, verarbeiten sie unmittelbar und reagieren deutlich auf Veränderungen. Ihr Nervensystem arbeitet wach, beweglich und offen. Gerät ein solches System an seine Grenzen, zeigt sich die Überforderung häufig zunächst im Verhalten. Unruhe, Reizbarkeit, Nervosität oder eine zunehmende Reizoffenheit können erste Hinweise darauf sein, dass die Regulationsfähigkeit an ihre Grenzen kommt.





Andere Menschen und Tiere wiederum brauchen mehr Zeit, um Eindrücke einzuordnen, Erfahrungen zu verarbeiten und neue Situationen wirklich zu integrieren. Das bedeutet nicht, dass sie weniger belastbar oder weniger lernfähig sind. Ihr System arbeitet lediglich in einem anderen Tempo. Sie beobachten oft länger, prüfen genauer und brauchen ausreichend Zeit, damit Erlebtes innerlich seinen Platz finden kann.

Erhalten sie diese Zeit, entwickeln sie häufig eine bemerkenswerte Stabilität. Werden sie jedoch dauerhaft mit Veränderungen, hohem Tempo oder einer Fülle neuer Eindrücke konfrontiert, gerät auch ihre Regulationsfähigkeit irgendwann an Grenzen. 

Die Belastung zeigt sich dann nicht immer unmittelbar. Stattdessen kann sie sich nach und nach tiefer im Organismus ausdrücken. Muskuläre Spannungsmuster können entstehen und sich auf Haltung, Beweglichkeit und den gesamten Bewegungsapparat auswirken. Die Verdauung kann empfindlicher reagieren, Schleimhäute können anfälliger werden, die Regeneration kann sich verlangsamen oder die Haut beginnt als Ventil auf innere Belastungen zu reagieren.

Solche Zusammenhänge können sich ganz unterschiedlich zeigen. Die sichtbaren Symptome mögen verschieden sein, doch häufig erzählen sie von derselben Frage: 

Wie gut gelingt es dem Organismus noch, Belastungen zu verarbeiten, auszugleichen und wieder in seine innere Ordnung zurückzufinden?

Werden diese Zusammenhänge übersehen, richten wir unseren Blick oft ausschließlich auf das Symptom. Der empfindliche Magen, die gereizte Haut, die muskuläre Spannung oder die verminderte Belastbarkeit erscheinen dann wie einzelne Baustellen. Betrachten wir jedoch den gesamten Organismus, erkennen wir häufig, dass sie Ausdruck derselben Geschichte sind.

Wer nur auf das Symptom schaut, sieht oft nur das Ende der Geschichte. Wer das gesamte System betrachtet, beginnt zu verstehen, warum der Körper überhaupt sprechen musste.

Je weiter wir den Blick öffnen, desto deutlicher wird, dass Regulation nicht allein von einzelnen Organen, Hormonen oder Nerven abhängt. Jedes Lebewesen braucht etwas, das all diese Bereiche miteinander verbindet und ihnen Orientierung gibt. Diese ordnende Kraft ist der Rhythmus.

Rhythmus ist weit mehr als ein organisatorisches Konzept. Er bildet den Hintergrund, auf dem Leben überhaupt gesund regulieren kann.

Dabei wird Rhythmus häufig missverstanden. 

Viele Menschen denken an feste Uhrzeiten, genaue Abläufe oder einen streng durchorganisierten Alltag. Doch lebendige Ordnung hat wenig mit Kontrolle und noch weniger mit Perfektion zu tun.

Es geht nicht darum, dass alles jeden Tag exakt gleich ablaufen muss. Mahlzeiten müssen nicht auf die Minute genau stattfinden, jeder Spaziergang muss nicht identisch verlaufen und auch kein Tag muss dem anderen vollkommen gleichen.

Verlässlichkeit, Wiederholung und Orientierung sind die Bedingungen, aus denen Rhythmus entsteht.





Wenn wir genauer hinschauen, können wir erkennen, dass das Leben selbst rhythmisch organisiert ist. Die Natur lebt uns diese Gesetzmäßigkeiten jeden Tag vor.

Auf Aktivität darf Ruhe folgen, auf Begegnung Rückzug, auf Bewegung Erholung und auf Nahrung Verdauung.

Vielleicht besteht unsere Aufgabe nicht darin, ständig neue Strukturen zu erschaffen, sondern wieder stärker wahrzunehmen, welchen Rhythmen das Leben ohnehin folgt. Je mehr es uns gelingt, uns an diesen natürlichen Ordnungen zu orientieren, desto leichter kann auch unser Organismus in Regulation, Erholung und Gesundheit finden.

Ein Organismus kann sich entspannen, wenn er nicht ständig neu einschätzen muss, was als Nächstes geschieht. Wiederkehrende Abläufe schaffen Sicherheit. Sie geben dem Nervensystem Orientierung und dem gesamten Organismus Halt.

Gerade Menschen und Tiere, die mehr Zeit für die Verarbeitung von Eindrücken benötigen, profitieren oft besonders von einer solchen Verlässlichkeit. Doch letztlich gilt dies für alle Lebewesen. Auch sehr wache, schnelle und reizoffene Systeme benötigen einen Rahmen, in dem auf Aktivität wieder Ruhe folgen darf und auf Anspannung wieder Entspannung.

Das bedeutet nicht, dass Leben frei von Herausforderungen, Veränderungen oder Belastungen sein muss. Im Gegenteil. Entwicklung entsteht häufig gerade dort, wo wir uns mit Neuem auseinandersetzen, Erfahrungen sammeln und lernen, mit unterschiedlichen Situationen umzugehen.

Entscheidend ist jedoch, dass auf Belastung wieder Entlastung folgen darf und auf Anspannung ausreichend Zeit für Verarbeitung und Regeneration. Nicht die einzelne Herausforderung bringt ein System aus dem Gleichgewicht, sondern häufig das dauerhafte Fehlen jener Ordnung, die eine gesunde Verarbeitung überhaupt erst ermöglicht.

Fehlt dieser Rhythmus über längere Zeit, muss der Organismus einen Teil seiner Kräfte dauerhaft für Orientierung und Anpassung aufwenden. Die eigentliche Belastung entsteht dann oft nicht durch einzelne Ereignisse, sondern durch das Fehlen einer tragenden Ordnung. Irgendwann sucht sich diese Belastung einen Ausdruck. Bei dem einen zeigt sie sich über Verhalten und Belastbarkeit, bei dem anderen über die Verdauung, die Schleimhäute, die Haut, den Bewegungsapparat oder andere individuelle Schwachstellen.

Nicht das Symptom ist dabei die eigentliche Botschaft. Das Symptom ist häufig der Versuch des Organismus, auf eine tiefere Unordnung aufmerksam zu machen.

Deshalb lohnt es sich manchmal, nicht nur auf das zu schauen, was sichtbar geworden ist, sondern auf die Bedingungen, unter denen Leben überhaupt gesund regulieren kann. Wo gibt es Verlässlichkeit? Wo gibt es Wiederholung? Wo gibt es ausreichend Zeit für Verarbeitung, Erholung und Integration?

Denn Regulation entsteht selten durch Kontrolle - und Gesundheit entsteht selten durch Perfektion.

Rhythmus ist nicht Kontrolle.
Rhythmus ist nicht Perfektion.
Rhythmus ist die Ordnung, auf die sich das Leben verlassen kann.

Vielleicht ist dies auch ein Gedanke, den wir uns immer wieder bewusst machen dürfen: In der Ruhe liegt die Kraft.

Gerade wir Menschen neigen dazu, Abwechslung, neue Reize und Veränderung mit Lebendigkeit gleichzusetzen. Was sich wiederholt, erscheint uns schnell langweilig. Was vertraut ist, wirkt unspektakulär. Nicht selten übertragen wir diese Sichtweise auch auf unsere Tiere und glauben, sie bräuchten ständig neue Erlebnisse, neue Beschäftigungen oder immer wieder neue Impulse.

Doch für viele Tiere entsteht Sicherheit nicht durch ständige Abwechslung, sondern durch Verlässlichkeit. 

Das, was wir manchmal als eintönig empfinden, kann für sie genau die Ordnung sein, an der sie sich orientieren. Wiederkehrende Abläufe, vertraute Wege, bekannte Rituale und ein vorhersehbarer Tagesrhythmus schenken dem Nervensystem Halt und ermöglichen dem Organismus, Kräfte für Regeneration und Verarbeitung zur Verfügung zu stellen.

Lebendigkeit entsteht nicht zwangsläufig durch immer neue Reize. Oft entsteht sie dort, wo ausreichend Ruhe vorhanden ist, damit Erlebtes verarbeitet, integriert und in die eigene Ordnung eingeordnet werden kann.





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12. Juni 2026

Über das Wesen des Hundes – und warum genau darin seine Stärke liegt





Der Hund ist längst seinen eigenen Weg gegangen

Auch wenn die moderne Verhaltens- und Domestikationsforschung heute längst zeigt, wie stark sich der Hund über viele tausend Jahre an das Leben mit dem Menschen angepasst hat, begegnet uns der Vergleich mit dem Wolf bis heute immer wieder. Dabei wird oft übersehen, dass der Hund längst seinen eigenen Entwicklungsweg gegangen ist und in vielen Bereichen nicht mehr einfach mit dem Wolf gleichgesetzt werden kann.

Natürlich trägt er noch ursprüngliche Verhaltensmuster und physiologische Gemeinsamkeiten in sich. Gleichzeitig hat ihn die gemeinsame Geschichte mit dem Menschen tief geprägt – in seinem Verhalten, seiner Bindungsfähigkeit, seiner Anpassung an unseren Alltag und selbst in seiner Physiologie. Das zeigt sich nicht zuletzt auch in Bereichen wie der Ernährung, in denen der Hund längst eigene Anpassungen entwickelt hat und deshalb nicht einfach mit dem Wolf gleichgesetzt werden kann.

Der Hund ist deshalb nicht einfach ein Wolf im Wohnzimmer, sondern ein eigenes Wesen mit einer jahrtausendelangen Entwicklungsgeschichte an der Seite des Menschen.


Unterschiedliche Wesensqualitäten als natürliche Stärke




Hunde bringen unterschiedliche Wesensanlagen mit. Wer einen Wurf aufmerksam beobachtet, erkennt das oft schon sehr früh. Da ist vielleicht ein Welpe, der neugierig vorausgeht und Neues erkundet. Einer nimmt seine Umgebung sofort wahr und reagiert auf jede Veränderung, ein anderer hält den Raum aufmerksam im Blick. Und manchmal ist da dieser Hund, der weder besonders schnell noch besonders laut wirkt und dennoch durch seine Präsenz Ruhe hineinbringt – ein Hund mit Übersicht, mit Klarheit und mit einer natürlichen Souveränität, an der sich andere orientieren.

Diese Unterschiede sind nicht zufällig, sondern Ausdruck einer natürlichen Vielfalt, die in sozialen Gemeinschaften Stabilität schafft. Nicht jeder bringt dieselben Qualitäten mit und nicht jeder muss dieselbe Aufgabe übernehmen. Gerade die Unterschiedlichkeit der einzelnen Wesen ermöglicht es einer Gruppe, sich zu ergänzen und unterschiedliche Herausforderungen auf unterschiedliche Weise zu bewältigen.

In meiner Beobachtung zeigt sich dabei immer wieder sehr deutlich, dass es Hunde gibt, die besonders fein wahrnehmen, schnell reagieren oder stark nach außen orientiert sind – etwa Kundschafter oder Wächter – und andere, die deutlich mehr innere Ruhe, Übersicht und natürliche Souveränität mitbringen.

Diese Hunde erleben wir häufig als Leitwesen oder Entscheidungsträger. Sie wirken nicht unbedingt lauter oder präsenter nach außen, sondern fallen oft gerade durch ihre Klarheit, ihre Standfestigkeit und ihre Fähigkeit auf, Situationen zunächst zu erfassen und erst dann zu reagieren. Dadurch bringen sie Orientierung und Sicherheit in den sozialen Raum.

Dabei geht es nicht um eine Rangliste und auch nicht um die Frage, wer wichtiger oder wertvoller ist. Unterschiedliche Wesensqualitäten erfüllen unterschiedliche Aufgaben und ergänzen sich innerhalb einer Gemeinschaft. Wir kennen das auch aus unserem menschlichen Alltag. Es gibt Menschen, die mit natürlicher Klarheit führen, den Überblick behalten und Sicherheit vermitteln, während andere besonders aufmerksam wahrnehmen, schnell reagieren, absichern oder durch ihre Dynamik und Präsenz etwas Wichtiges zum Gelingen einer Gemeinschaft beitragen.

Keine dieser Qualitäten ist grundsätzlich besser als die andere. Sie sind unterschiedlich – und genau diese Unterschiedlichkeit macht Gemeinschaft überhaupt erst möglich.

Genauso dürfen wir auch Hunde betrachten.

Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen, denn nicht jede Stärke passt automatisch zu jeder Aufgabe. Ein Hund kann wunderbar aufmerksam, sensibel und wach sein und zugleich schneller unter Spannung geraten, wenn dauerhaft Übersicht, Gelassenheit und klare soziale Führung gefragt sind. Besonders deutlich zeigt sich das häufig im Umgang mit Welpen.


Warum die ersten Lebenswochen so prägend sind




Die ersten zwölf Lebenswochen gehören zu den prägendsten Abschnitten im Leben eines Hundes. In dieser frühen Zeit lernt der Welpe nicht nur seine Umwelt kennen, sondern entwickelt auch die Grundlagen für sein Sicherheitsempfinden, seine Reizverarbeitung, seine Bindungsfähigkeit und seinen späteren Umgang mit Spannung und Regulation. Viele der ersten sozialen Erfahrungen werden in dieser Zeit tief angelegt und bilden gewissermaßen den Boden, auf dem sich das weitere Leben entwickelt.

Wie fühlt sich Nähe an? Wie fühlt sich Spannung an? Wie reagiert mein Körper auf neue Geräusche, auf unterschiedliche Untergründe oder auf Bewegung? Wie werde ich begleitet, wenn etwas zu viel wird, wie viel Sicherheit trägt mein Umfeld und wie finde ich wieder zurück in die Regulation? All das wird in dieser frühen Zeit nicht nur erlebt, sondern häufig tief im gesamten System verankert.

Gerade deshalb lohnt sich bei Elterntieren nicht nur der Blick auf Gesundheit oder Optik, sondern auch auf das Wesen. Beide Elterntiere bringen etwas Wesentliches mit. Der Rüde trägt seine Genetik mit hinein – körperlich, nervlich und in seinen Wesensqualitäten. Gleichzeitig ist es in der praktischen Aufzucht häufig die Hündin, die den Welpen in den ersten Wochen unmittelbar begegnet. Sie begleitet den Alltag, gibt Nähe, reguliert, setzt Grenzen und antwortet auf die vielen kleinen Situationen des Tages. Nicht, weil der Rüde weniger Bedeutung hätte, sondern weil er in der heutigen Zucht häufig nicht im direkten Lebensumfeld des Wurfes lebt.

Gerade deshalb lohnt sich bei der Hündin ein besonders feiner Blick. Wie geht sie mit Spannung um? Wie klar bleibt sie in neuen Situationen? Wie viel Ruhe bringt sie mit und wie sicher kann sie einschätzen, wann Eingreifen notwendig ist und wann Beobachten genügt?
Denn Welpen lernen in dieser Zeit nicht nur ihre Umwelt kennen. Sie lernen über Beziehung, über Sicherheit, über das Nervensystem der Mutter, über ihre Art, Grenzen zu setzen und über ihre Fähigkeit, Ruhe zu halten.


Was bringt der Welpe mit – und warum sollten wir lernen, diese Wesensqualität wahrzunehmen




Genau deshalb lohnt sich auch für uns Menschen ein genauer Blick auf den einzelnen Wurf. Welche Qualitäten bringen diese Welpen mit? Wer ist eher schnell im Außen unterwegs, wer nimmt besonders fein wahr, wer bringt viel Dynamik mit und wer beobachtet zunächst, bevor er handelt? Wer wirkt schon früh ruhiger, klarer und stabiler?

Oft wird ein Welpe nach Sympathie ausgewählt. Man verliebt sich in einen Blick, eine Farbe, eine besondere Begegnung oder einfach in das Gefühl, das dieser kleine Hund in einem auslöst. Daran ist zunächst nichts falsch. Gleichzeitig lohnt es sich, noch einen Schritt weiterzugehen und zu fragen, welches Wesen sich hinter diesem ersten Eindruck verbirgt.

Denn nicht jeder Welpe bringt dieselben Qualitäten mit. Nicht jeder wird später dieselben Stärken entwickeln. Manche Hunde tragen schon früh viel Dynamik, Neugier und Bewegungsfreude in sich. Andere wirken beobachtender, ruhiger und überlegter. Manche nehmen ihre Umwelt unglaublich fein wahr, andere lassen sich von vielen Dingen deutlich weniger beeindrucken.

Diese Unterschiede sind nicht besser oder schlechter. Sie erzählen uns jedoch viel darüber, welche Anlagen ein Hund mitbringt und welche Lebensumstände später besonders gut zu ihm passen könnten.


Welcher Hund passt zu welchem Menschen?




Und dann darf auch die ganz praktische Frage dazukommen: Was passt eigentlich wirklich zu mir?

Ein sportlicher Mensch, der gern aktiv unterwegs ist, Freude an gemeinsamer Arbeit hat und Dynamik liebt, kann mit einem beweglichen Kundschafter oder einem wachsamen Hund wunderbar glücklich werden. Ein anderer Mensch wünscht sich vielleicht einen Hund, der ruhiger durch den Alltag geht, Situationen zunächst überblickt und dann reagiert und durch seine Präsenz Sicherheit vermittelt.

Beides darf sein. Entscheidend ist nicht, welcher Hund besser ist, sondern welcher Hund wirklich zum eigenen Leben passt. Je klarer wir die Qualitäten eines Hundes wahrnehmen, desto bewusster können wir entscheiden, welche Art von Begleiter wir an unserer Seite haben möchten.


Arbeitsfreude oder Überforderung?




Gerade bei vielen Gebrauchs-, Hüte-, Treib-, Jagd- und Apportierhunderassen lohnt sich ein genauer Blick. Ob Schäferhund, Australian Shepherd, Border Collie, Jagdterrier, Deutsch Drahthaar, Labrador Retriever, Golden Retriever oder andere leistungsorientierte Linien – viele dieser Hunde wurden ursprünglich für eine bestimmte Aufgabe gezüchtet und bringen bis heute eine enorme Motivation zur Zusammenarbeit mit dem Menschen mit.

Das ist grundsätzlich etwas Wunderschönes. Aufmerksamkeit, Arbeitsfreude, Ausdauer, Schnelligkeit, Wahrnehmungsfähigkeit und die Bereitschaft, sich auf gemeinsame Aufgaben einzulassen, gehören zu den großen Stärken dieser Hunde. Genau deshalb werden sie von vielen Menschen geschätzt, sei es im Hundesport, bei der Jagd, bei Rettungshundearbeit, im Alltag oder in anderen Formen gemeinsamer Beschäftigung.

Genau dort zeigt sich heute manchmal ein Ungleichgewicht. Denn die eigentliche Frage ist nicht, ob ein Hund arbeitsfreudig, aufmerksam oder dynamisch ist. Die Frage ist vielmehr, ob er nach Belastung wieder in einen Zustand von Ruhe und Regulation zurückfinden kann.

Ein Kundschafter darf aufmerksam sein. Er darf seine Umwelt fein wahrnehmen, Veränderungen schnell registrieren und Freude daran haben, Neues zu erkunden.

Ein Wächter darf wachsam sein. Er darf auf sein Umfeld achten, Sicherheit herstellen und früh bemerken, wenn sich etwas verändert.
Und auch ein Entscheidungsträger muss nicht langsam oder passiv sein. Seine besondere Qualität liegt vielmehr darin, Situationen zunächst zu erfassen, einzuordnen und dadurch Orientierung und Stabilität in den sozialen Raum zu bringen.

Diese unterschiedlichen Qualitäten finden wir später in vielen verschiedenen Hunderassen wieder. Ein Hütehund wird andere Anlagen mitbringen als ein Apportierhund, ein Jagdhund andere als ein Herdenschutzhund. Dennoch bleibt die entscheidende Frage immer dieselbe:

Kann der Hund seine natürlichen Anlagen leben und gleichzeitig nach Belastung wieder in einen Zustand von Ruhe und Regulation zurückfinden?

Genau dort zeigt sich heute manchmal ein Ungleichgewicht. Denn viele Hunde werden als besonders aktiv beschrieben, als Hunde, die ständig beschäftigt werden müssten, immer neue Aufgaben brauchen oder unbedingt ausgelastet werden müssen. Nicht selten hört man dann Sätze wie: „Der braucht noch mehr Beschäftigung“, „Der muss richtig ausgepowert werden“ oder „Der braucht einfach mehr Action.“

Dabei lohnt es sich manchmal, einen Schritt zurückzutreten und genauer hinzuschauen. Braucht dieser Hund wirklich noch mehr Aktivität oder braucht sein Nervensystem vielleicht genau das Gegenteil? Braucht er tatsächlich noch mehr Reize oder vielmehr die Fähigkeit, die bereits vorhandenen Reize überhaupt zu verarbeiten?

Gerade bei Hunden mit viel Arbeitsfreude wird dieser Unterschied häufig übersehen. Arbeitsfreude ist nicht dasselbe wie Überforderung. Wachheit ist nicht dasselbe wie Nervosität. Dynamik ist nicht dasselbe wie innere Unruhe.

Ein Hund darf aufmerksam sein. Er darf schnell wahrnehmen, intensiv arbeiten und Freude an seinen Aufgaben haben. Entscheidend ist nicht die Aktivität selbst, sondern die Fähigkeit, nach Belastung wieder in einen Zustand von Ruhe und Regulation zurückzufinden.
Denn ein Organismus, der dauerhaft unter Spannung steht, bleibt davon nicht unberührt. Das Nervensystem trägt diese Spannung mit, der Stoffwechsel trägt sie mit und letztlich zeigt sie sich häufig auch körperlich – über Haut, Verdauung, Allergien, chronische Anspannung oder andere Regulationsprozesse.

Aus meiner Sicht liegt die Lösung deshalb nicht immer in noch mehr Beschäftigung, sondern oft darin, wieder Bedingungen zu schaffen, unter denen ein Hund in einen gesunden Wechsel zwischen Aktivität und Ruhe zurückfinden kann. Genau dort beginnt echte Regulation.


Kann der Hund in seine natürliche Balance finden?




Vielleicht beginnt genau dort ein anderer Blick auf Hunde – nicht bei der Frage, wie ein Hund sein sollte, sondern bei der Frage, wer dieser Hund eigentlich ist.

Welche Anlagen bringt er mit? Welche Erfahrungen haben ihn geprägt? Wie verarbeitet er seine Umwelt? Wie viel Sicherheit trägt sein Nervensystem? Und kann er seine natürlichen Anlagen leben und gleichzeitig nach Belastung wieder in einen Zustand von Ruhe und Regulation zurückfinden?

Je besser wir lernen, diese Fragen wahrzunehmen, desto leichter wird es, Hunde nicht nach Erwartungen, Idealen oder allgemeinen Vorstellungen zu beurteilen, sondern als das zu sehen, was sie tatsächlich sind: individuelle Wesen mit unterschiedlichen Stärken, unterschiedlichen Bedürfnissen und ganz eigenen Qualitäten.

Vielleicht liegt genau darin die größte Chance für ein gutes Zusammenleben – nicht darin, jeden Hund passend zu machen, sondern darin, zu erkennen, welcher Hund vor uns steht.


In meiner Resonanzarbeit begleite ich Mensch-Hund-Teams genau bei diesen Fragen. 

Gemeinsam schauen wir auf die Anlagen des Hundes, auf seine Prägung, auf sein Nervensystem und auf die Bedingungen, die ihm helfen können, wieder mehr Stabilität, Orientierung und Regulation zu entwickeln. Dabei geht es nicht darum, den Hund zu verändern, sondern ihn in seinem Wesen besser zu verstehen und gemeinsam Wege zu finden, die wirklich zu diesem Hund und diesem Menschen passen.


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29. Mai 2026

Energetikerhund oder Materiehund – wie reguliert mein Hund eigentlich?






Wenn wir unsere Hunde im Alltag beobachten, nehmen wir oft zuerst das wahr, was sichtbar ist. Der eine Hund wirkt lebhaft, schnell und unmittelbar in seiner Reaktion. Ein anderer erscheint ruhig, beobachtend und eher gelassen. Manche Hunde scheinen alles um sich herum sofort aufzunehmen, während andere zunächst abwarten und erst später reagieren. Je länger ich Hunde begleite und ihre körperlichen und vegetativen Regulationsmuster beobachte, desto deutlicher wird für mich jedoch, dass nicht jeder Hund Reize auf dieselbe Weise verarbeitet und nicht jeder Organismus Spannung gleich reguliert.

Genau deshalb arbeite ich gern mit zwei Bildern: dem Energetikerhund und dem Materiehund. 

Für mich sind das keine festen Kategorien und keine Schubladen, in die ein Hund hineinpassen muss. Es sind vielmehr zwei Bilder, die helfen können, den eigenen Hund feiner zu verstehen und seine Regulation besser einzuordnen.






Ein Energetikerhund wirkt oft sehr wach und unmittelbar im Kontakt mit seiner Umgebung. Solche Hunde nehmen Reize meist sehr schnell auf. Veränderungen werden früh wahrgenommen, Stimmungen häufig sofort registriert und auch kleinste Veränderungen im Umfeld scheinen unmittelbar im Organismus anzukommen. Viele Menschen beschreiben solche Hunde als besonders aufmerksam, feinfühlig oder sehr intelligent, weil sie schnell reagieren und sehr präsent wirken.

Das Nervensystem solcher Hunde ist häufig ausgesprochen fein abgestimmt. Sie stehen schnell in Resonanz mit ihrer Umgebung und reagieren unmittelbar auf das, was um sie herum geschieht. Spannung zeigt sich deshalb oft früh und deutlich. Das kann sich über Bewegung zeigen, über sichtbare Erwartung, über eine hohe Wachheit oder über eine sehr direkte Körpersprache. Gleichzeitig beobachte ich bei vielen dieser Hunde, dass sie auch wieder erstaunlich schnell loslassen können, wenn Sicherheit da ist und das Nervensystem die Möglichkeit bekommt, in Regulation zurückzufinden.






Ganz anders wirken häufig Materiehunde. Sie erscheinen nach außen oft ruhiger, geerdeter oder zunächst wenig beeindruckt. Viele beobachten erst und nehmen sich Zeit. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, dass dieser Hund besonders entspannt oder stabil sei. Doch genau an dieser Stelle lohnt sich oft ein genauerer Blick.

Denn viele Materiehunde tragen unglaublich viel über den Körper. Sie reagieren nicht immer sofort sichtbar nach außen, sondern halten Spannung oft lange im System. Belastungen verdichten sich dann eher körperlich und zeigen sich beispielsweise über muskuläre Spannung, über den Bewegungsapparat, über den Bauchraum oder über vegetative Reaktionen. Manche Hunde wirken dabei äußerlich ruhig, obwohl innerlich längst sehr viel Spannung getragen wird.

Gerade das führt im Alltag häufig zu Missverständnissen. Ein Energetikerhund wird oft schneller als „nervös“ oder „zu viel“ wahrgenommen, weil seine Reaktionen deutlich sichtbar sind. Ein Materiehund wirkt dagegen häufig ruhig und unkompliziert, obwohl sein Organismus möglicherweise schon lange viel kompensiert und Belastungen tiefer in den Körper hineinträgt.

Genau das sind oft auch die Hunde, bei denen Halter irgendwann sagen: „Er war doch immer gesund – und plötzlich ist da so viel auf einmal.“ Dabei entsteht das meist nicht aus dem Nichts. Häufig hat der Organismus schon über längere Zeit getragen, reguliert und ausgeglichen, ohne dass es im Alltag sofort sichtbar wurde. Irgendwann wird diese Belastung dann körperlich spürbar – über den Bewegungsapparat, über den Bauchraum, über Erschöpfung oder über Symptome, die scheinbar ganz plötzlich auftauchen.

Und genau an dieser Stelle fragen sich viele Menschen irgendwann: Woran erkenne ich eigentlich, welcher Typ mein Hund ist?

Die Antwort zeigt sich selten über einen einzelnen Moment. 

Viel deutlicher wird sie im Alltag. Wie schnell nimmt dein Hund Reize wahr? Wie reagiert er auf Veränderungen? Braucht er sofort Bewegung oder Ausdruck? Oder beobachtet er zunächst und trägt vieles erst einmal still im System?

Zeigt dein Hund Spannung früh und deutlich nach außen? Oder bemerkst du Belastung eher über den Körper, über Verdauung, über Spannung im Rücken oder über Phasen, in denen er plötzlich erschöpfter wirkt?

Manche Hunde zeigen sehr klar eine Richtung. Andere tragen Anteile von beidem in sich. Genau deshalb geht es nicht darum, Hunde einzuordnen oder in feste Bilder zu pressen. 

Es geht vielmehr darum, feiner wahrzunehmen, wie dein Hund ganz individuell reguliert.

Mich interessiert deshalb nie nur das Verhalten allein. Mich interessiert immer auch, wie ein Hund Reize verarbeitet, wo sein Organismus Spannung trägt und wie Nervensystem, Körper und Verhalten miteinander zusammenwirken. Dabei spielen selbstverständlich auch die körperlichen Voraussetzungen eine Rolle. Ein Dackel bringt andere anatomische Spannungsräume mit als ein Rottweiler. Ein Windhund reguliert anders als ein Labrador. Rasse, Körperbau, Bewegungsapparat, Stoffwechsel und individuelle Geschichte gehören für mich immer mit dazu.

Für mich beginnt genau dort die ganzheitliche Betrachtung. 

Nicht über einzelne Symptome und nicht über starre Kategorien, sondern über Regulationsachsen und über das Verständnis dafür, dass jeder Organismus seine eigene Sprache spricht.

Wenn wir beginnen, diese Sprache besser zu erkennen, verändert sich oft auch unser Blick auf den Hund. Dann sehen wir nicht mehr nur einzelne Symptome oder einzelne Verhaltensweisen, sondern verstehen Zusammenhänge.

Und genau darin beginnt für mich echte ganzheitliche Begleitung.

Besonders meine beiden Australian Cattledogs haben mich über viele Jahre sehr geprägt und meinen Blick auf Regulation, Körpersprache und die feinen Zusammenhänge im Organismus entscheidend mitgeschult. Durch sie wurde mir immer deutlicher, wie eng Körper, Nervensystem, Verhalten und Ausdruck miteinander verbunden sind.
Vieles davon konnte ich später auch im Rückblick bei meinen anderen Hunden noch einmal auf eine neue Weise verstehen.





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28. Mai 2026

Wenn Zecken Hochsaison haben – warum manche Hunde deutlich mehr betroffen sind als andere




Sobald es draußen wärmer wird und Wiesen, Waldränder und hohes Gras wieder voller Leben sind, beginnt auch die Zeckenzeit. Viele Hunde bringen dann nach dem Spaziergang die ersten Zecken mit nach Hause. Das gehört im Frühjahr und Frühsommer leider oft dazu.

Und trotzdem fällt immer wieder etwas auf: Während manche Hunde im gleichen Gebiet unterwegs sind und kaum eine Zecke mitbringen, sammeln andere regelmäßig mehrere ein.

Natürlich spielt die Umgebung eine wichtige Rolle. Hohe Vegetation, feuchte Witterung und die jeweilige Zeckenaktivität sind entscheidend. Aber in der Praxis zeigt sich immer wieder, dass auch der individuelle Organismus des Hundes einen Unterschied macht.

Zecken orientieren sich über Körperwärme, Kohlendioxid aus der Atmung und bestimmte Duftstoffe der Haut. Diese Mechanismen sind wissenschaftlich gut untersucht. 

Jeder Hund sendet hier sein eigenes Muster aus – und genau das scheint mitzuentscheiden, wie attraktiv ein Tier für Parasiten ist.




Besonders häufig beobachte ich dabei Hunde, die innerlich sehr wach sind, Reize schnell aufnehmen und insgesamt eine höhere Grundspannung mitbringen. Nicht im Sinne von „schwierig“, sondern Hunde, die viel wahrnehmen, schnell reagieren und deren Nervensystem dauerhaft etwas aktiver arbeitet.

Bei diesen Hunden verändert sich häufig auch das körperliche Milieu:

  • Wärmeabgabe
  • Stoffwechsel
  • Hautausdünstungen
  • Schleimhautregulation
  • allgemeine Regulation des Nervensystems

Genau an diesen Signalen orientieren sich Parasiten.


Aber das beobachte ich übrigens nicht nur bei reizoffenen Hunden. Auch bei älteren Hunden verändert sich das manchmal deutlich. Hunde, die früher kaum Thema mit Zecken hatten, bringen plötzlich regelmäßig welche mit nach Hause. Mit zunehmendem Alter verändern sich Stoffwechsel, Regeneration und häufig auch das Haut- und Schleimhautmilieu. Medikamente können zusätzlich Einfluss nehmen. Auch dadurch kann sich das innere Gleichgewicht verschieben – und damit verändern sich oft genau die Signale, an denen sich Parasiten orientieren.

Das bedeutet nicht, dass innere Spannung allein Zecken verursacht. Und auch nicht, dass etwas falsch gemacht wurde. Manche Zeiten sind schlicht zeckenreicher als andere. Aber die Erfahrung zeigt immer wieder: Wenn ein Hund innerlich ruhiger wird und sich das gesamte Regulationssystem stabilisieren kann, verändert sich oft auch das körperliche Milieu spürbar.
Deshalb schaue ich in der Praxis nicht nur auf die Zecke selbst.
Mich interessiert immer auch:

  • Wie steht der Hund insgesamt im Leben?
  • Wie reagiert sein Nervensystem auf Reize?
  • Wie stabil sind Haut und Schleimhäute?
  • Wie gut kann sich der Organismus regulieren?


Unterstützend können in dieser Zeit zum Beispiel eine gute Versorgung mit natürlichen B-Vitaminen sowie eine Stabilisierung des Hautmilieus mit effektiven Mikroorganismen – zum Beispiel als Spray einmal täglich direkt ins Fell – sinnvoll sein. Viele machen zusätzlich auch mit Cistrose gute Erfahrungen als begleitende Unterstützung in der Zeckenzeit.
Denn einen hundertprozentigen Schutz gibt es leider nicht.

Aber oft lässt sich genau dort etwas verändern: nicht über Druck gegen die Zecke, sondern über ein stabiles Milieu, das dem Hund hilft, wieder mehr in seine eigene Balance zu finden.


Das ist am Ende häufig die nachhaltigste Unterstützung


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05. Mai 2026

Wenn Verhalten und Gesundheit zusammenhängen

Warum innere Unruhe beim Hund oft früher sichtbar wird als Krankheit

Es gibt Hunde, die wirken auf den ersten Blick völlig in Ordnung. Sie fressen, sie laufen, sie wirken im Alltag unauffällig – und doch spürt man manchmal - irgendetwas ist nicht ganz rund.




Sie sind wach, aber nicht ruhig. Sie reagieren schnell, finden aber schwer wieder zurück. Sie sind präsent, aber nicht wirklich gelassen.

Viele beschreiben solche Hunde als aktiv, sensibel oder anspruchsvoll. Wenn man genauer hinschaut, zeigt sich oft etwas anderes - ein System, das dauerhaft arbeitet und selten wirklich zur Ruhe kommt.

Verhalten ist kein Zufall

Ein Hund verhält sich nicht "einfach so".  Sein Verhalten ist immer Ausdruck dessen, wie gut sein inneres System reguliert ist.

Ein regulierter, in sich ruhender Hund nimmt wahr, reagiert und findet anschließend wieder zurück in die Ruhe. Ein weniger regulierter Hund bleibt länger in diesem Zustand, verarbeitet Reize langsamer und ist innerlich länger oder gar dauerhaft auf Empfang.

Das hat nichts mit guter oder schlechter Erziehung zu tun. Es beschreibt den Zustand seines Nervensystems.

Der entscheidende Unterschied: Wie lange bleibt ein Hund in diesem Zustand?

Ein Hund darf wach sein. Er darf reagieren. Er darf auch kurz hochgehen.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob er aktiviert ist, sondern wie lange er in diesem Zustand bleibt und ob er wieder von selbst herausfindet.

Man kann sich das wie eine Welle vorstellen:
Eine Welle steigt ruhig an, erreicht ihren Punkt und fällt dann wieder in sich zurück.
Ein regulierter Hund bewegt sich genau in diesem Rhythmus. Die Aktivierung steigt kurz an, bleibt klar begrenzt und fließt dann wieder zurück in die Ruhe.




Ein Hund, der Schwierigkeiten mit der Selbstregulation hat, bleibt gewissermaßen auf dem Wellenkamm stehen. Die Bewegung nach unten fehlt. Die Spannung löst sich nicht mehr, sondern bleibt im System.


Beispiele aus dem Alltag

Besuch kommt ins Haus

Ein regulierter, in sich ruhender Hund steht auf, schaut, vielleicht bellt er ein- oder zweimal oder nimmt kurz etwas ins Maul, orientiert sich und findet innerhalb weniger Sekunden wieder in einen ruhigen Zustand zurück 

Er nimmt den Menschen wahr, ohne sich an ihm festzusehen. Der Blick bleibt weich und geht von selbst wieder weiter. 

Ein Hund, der darüber hinausgeht, bleibt angespannt. Er läuft hin und her, bellt wiederholt oder trägt aufgeregt etwas im Maul. Häufig sieht man hier auch ein typisches Verhalten, das viele von Hütehundtypen kennen: dauerhaftes Fixieren und Beobachten.




Der Hund legt sich vielleicht sogar ab – aber bleibt mit dem Blick am Besucher hängen. Jede kleine Bewegung wird verfolgt. Der Körper wirkt ruhig, ist aber innerlich angespannt. Der Hund ist nicht wirklich in Ruhe, sondern in einer Form von stiller Kontrolle.

Dieses Verhalten wird oft übersehen, weil es „ruhig aussieht“. In Wirklichkeit ist das Nervensystem weiterhin aktiv.

In solchen Situationen braucht es in der Regel den Menschen, der ruhig und klar eingreift, die Situation übernimmt und dem Hund hilft, sich wirklich zu lösen. Bleibt diese Führung aus, bleibt das System offen.

Woran man den Unterschied erkennt:

Solange ein Hund sich nach einer kurzen Aktivierung von selbst wieder regulieren kann, also nach wenigen Sekunden sichtbar herunterfährt und sich auch innerlich löst, ist das ein gesunder Ablauf.
Kippt es jedoch so, dass der Hund länger „oben“ bleibt, sich nicht mehr lösen kann, weiter beobachtet, fixiert oder immer wieder neu in die Aufregung geht, verlässt er den Bereich der Selbstregulation. Ab diesem Punkt ist er auf äußere Führung angewiesen, um wieder in einen ruhigen Zustand zurückzufinden

Spaziergang und Umweltreize

Ein regulierter Hund nimmt einen Reiz wahr, schaut hin, baut vielleicht kurz Spannung auf und löst sich dann innerhalb weniger Sekunden wieder. Er kommt zurück in die Verbindung zum Menschen.

Ein Hund, der darüber hinausgeht, fixiert, bleibt im Reiz hängen und reagiert auf kleinste Bewegungen. Er braucht deutlich länger, um wieder ansprechbar zu sein. Hier wird Aufmerksamkeit zur Kontrolle.

Das typische Spielzeugbringen

Viele kennen dieses Verhalten, besonders bei einem Labrador Retriever - der Hund bringt immer wieder Spielzeug.
In einem regulierten Zustand bringt der Hund ein- oder zweimal ein Spielzeug, nimmt Kontakt auf und kann sich danach wieder lösen. Er geht zurück in die Ruhe.

Ein Hund, der darüber hinausgeht, bringt das Spielzeug immer wieder, steigert sich hinein und kommt nicht mehr zur Ruhe. Das Verhalten wirkt dann nicht mehr wie Spiel, sondern wie ein Versuch, innere Unruhe zu regulieren.

Fixieren und Beobachten

Gerade bei Hütehundtypen sieht man häufig ein intensives Beobachten.
Ein regulierter Hund nimmt wahr, schaut und kann sich wieder lösen. Sein Blick ist wach, aber beweglich.
Ein Hund, der darüber hinausgeht, bleibt im Fixieren hängen. Der Körper wird still und gespannt, der Blick löst sich nicht mehr. 

Aus Wahrnehmen wird Kontrollieren.

Geräusche im Haus

Ein regulierter Hund hebt den Kopf, hört ein Geräusch und legt sich wieder hin. Das dauert nur wenige Sekunden.
Ein Hund, der darüber hinausgeht, steht auf, läuft umher, kontrolliert die Situation und bleibt angespannt. Vielleicht reagiert er sogar auf jedes weitere Geräusch erneut.

Futter

Ein Hund, der darüber hinausgeht, wird oft schon vor dem Fressen unruhig, schlingt das Futter hastig in sich hinein und wirkt danach nicht wirklich satt. Er bettelt weiter und/oder sucht ständig nach Futter. 




Alleinbleiben und Kontrollverlust

Ein weiterer Bereich, der häufig betroffen ist, ist das Alleinbleiben.

Ein regulierter Hund kann sich nach dem Weggehen des Menschen relativ zügig in einen ruhigen Zustand zurückziehen. Er legt sich ab, schläft oder ruht.

Ein Hund, der darüber hinausgeht, bleibt innerlich aktiv. Er läuft, wartet, kontrolliert Geräusche oder steigert sich in Unruhe. In manchen Fällen zeigt sich das als Trennungsangst, in anderen eher als Kontrollverlust.

Nicht immer ist es reine Angst. Oft ist es ein Nervensystem, das gelernt hat, nicht loszulassen.


Der Hund lebt in der Ordnung des Menschen




Ein ganz zentraler Punkt wird oft übersehen: Der Hund lebt nicht isoliert. Er lebt im Feld des Menschen.

Wenn der Mensch ruhig ist, klare Entscheidungen trifft und Übergänge sauber führt, entsteht Ordnung. In dieser Ordnung kann ein Hund sich orientieren und zur Ruhe kommen.

Wenn der Mensch hingegen schwankt, viel ausprobiert und Situationen offen lässt, entsteht Unordnung. In dieser Unordnung beginnt der Hund, selbst zu organisieren.

Menschliche Stimmung – und ihre Resonanz im Hund

Hunde orientieren sich nicht nur an dem, was wir tun, sondern vor allem an dem, was wir sind.

Unsere innere Stimmung wirkt wie ein Hintergrund, in dem der Hund lebt.

Viele Menschen tragen heute Zustände in sich wie innere Unruhe, Unsicherheit, Anspannung, Erschöpfung oder auch depressive Verstimmungen. Diese Zustände sind oft leise und nicht sofort sichtbar.

Der Hund nimmt sie dennoch wahr – nicht als Gedanken, sondern als Atmosphäre.

Ein unsicherer Mensch hat oft einen nach Orientierung suchenden Hund an seiner Seite, ein angespannter Mensch einen wachen, mitunter auch stark aktivierten Hund und ein erschöpfter Mensch einen eher gedämpften.

Wenn der Hund versucht, auszugleichen




Es gibt Hunde, die beginnen, diese Stimmung auszugleichen.

Gerade bei gereizter oder angespannter Atmosphäre zeigt sich das deutlich: 

Der Hund kommt näher, sucht Kontakt, legt sich in den Raum und beobachtet sehr genau. Manche bringen Spielzeug, fordern Interaktion ein oder versuchen, Bewegung in die Situation zu bringen.

Das wirkt freundlich – ist aber oft ein Versuch, Spannung zu regulieren. Der Hund übernimmt damit eine Aufgabe, die nicht seine ist, und bleibt dabei selbst in einem angespannten Zustand.

Ein Beispiel aus dem Alltag:

Im Haushalt entsteht eine gereizte Stimmung. Der Mensch ist angespannt, vielleicht schneller im Ton, innerlich unter Druck.
Der Hund reagiert darauf. Er wird unruhiger, kommt näher, sucht Kontakt und beginnt, sich einzumischen. Oder er geht ins Gegenteil, zieht sich zurück, wirkt gedämpft – bleibt innerlich jedoch wach. - 
Beides sind Formen von Anpassung -

Wenn sich Zustände spiegeln

Manche Hunde zeigen sehr deutlich, was im Umfeld vorhanden ist.

Der unruhige Hund im hektischen Haushalt. Der unsichere Hund bei wechselhaften Strukturen. Der erschöpfte Hund in einem überforderten Umfeld.

Das ist keine Schuldfrage - sondern eine Resonanz.

Mehrhundehaltung – ein oft unterschätzter Faktor

Wenn mehrere Hunde zusammenleben, entsteht nicht nur mehr Bewegung, sondern auch ein gemeinsames Nervensystem im Alltag.

Hunde orientieren sich nicht nur am Menschen, sondern auch aneinander. Sie übernehmen Zustände, reagieren aufeinander und verstärken sich gegenseitig.

In einem ruhigen, klar geführten System können mehrere Hunde sich gegenseitig stabilisieren.

In einem unruhigen oder offenen System passiert oft das Gegenteil:
Ein Hund reagiert – und die anderen gehen mit. Aktivierung überträgt sich schnell auf alle. 

Gerade bei sensiblen oder wachen Hunden führt das dazu, dass sie schwerer zur Ruhe finden, weil sie nicht nur ihre eigenen Reize verarbeiten, sondern auch die der anderen.

Mehr Hunde bedeuten deshalb nicht automatisch mehr Ausgeglichenheit, sondern oft mehr Komplexität, die vom Menschen getragen werden muss.

Zucht und Elterntiere

Auch die Herkunft spielt eine Rolle. Stabile Elterntiere bringen sehr häufig stabilere Nachkommen hervor. Denn Unruhe und Nervosität können weitergegeben werden.

Das Nervensystem wird also sowohl mitgebracht als auch im Alltag geformt.

Tierschutz und Herkunft

Gerade Hunde aus dem Tierschutz bringen oft bereits ein Nervensystem mit, das gelernt hat, selbst wach zu sein. Unsicherheit, fehlende Struktur und wechselnde Bedingungen prägen diese Hunde früh.

Das ist kein Fehler, sondern eine Anpassung.

In einem unruhigen Umfeld verstärkt sich dieses Muster. In einem klaren, ruhigen Umfeld können diese Hunde häufig erstaunlich gut zur Regulation finden.

Nervensystem, Welpen und frühe Prägung

Ein Hund kommt nicht als „leeres Blatt“ zur Welt. Sein Nervensystem bringt bereits eine Grundstimmung mit.

Diese wird geprägt durch:

  • die Elterntiere
  • die Zeit im Mutterleib
  • die ersten Lebenswochen

Sind die Elterntiere ruhig und stabil, ist auch die Ausgangsbasis häufig ruhiger.
Sind sie angespannt oder sehr wach, kann sich das bereits übertragen.

In den ersten Wochen lernt der Welpe, wie sich Welt anfühlt.
Ist diese Zeit ruhig, klar und geordnet, kann sich ein stabiles Nervensystem entwickeln.

Ist sie unruhig, reizüberflutet oder unsicher, lernt der Welpe früh: 

„Ich muss wach sein.“

Der Körper folgt dem Zustand

Ein Hund, der dauerhaft innerlich angespannt ist, lebt in einem Zustand erhöhter Aktivität. Das beeinflusst langfristig Hormone, Immunsystem, das Zellmilieu und die Mikrobiota – und kann dazu führen, dass sich entzündliche Prozesse entwickeln.

Diese Veränderungen sind nicht sofort sichtbar. Sie entwickeln sich über die Zeit.

Ein entscheidender Gedanke

Ein Hund, der viel macht, ist nicht automatisch ausgeglichen. Ein ausgeglichener Hund ist ein Hund, der zwischen Aktivität und echter Ruhe wechseln kann.

Die eigentliche Frage

Es geht nicht darum, was ein Hund noch lernen oder leisten kann.

Die wichtigere Frage ist:

Kann dieser Hund wirklich loslassen?


Die Essenz




Der Hund lebt nicht nur mit uns. Er lebt in unserer Ordnung oder in unserer Unordnung.

Dort beginnt Gesundheit. 

Nicht erst im Körper, sondern im Alltag, im Rhythmus und in der Qualität von Ruhe.

Ein Hund, der wirklich zur Ruhe kommen kann, muss weniger kompensieren.

Und genau darin liegt oft der größte Schutz.

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17. April 2026

Weniger ist mehr – warum der Darm des Hundes keine Vielfalt braucht





Es gibt einen Punkt, an dem "gut gemeint" kippt.

Und genau dort stehen heute viele Hunde.

Wir leben in einer Zeit, in der nahezu alles verfügbar ist: unzählige Futtersorten, ständig neue Zusätze, immer ausgefeiltere Konzepte. Vielfalt gilt als gesund. Abwechslung als notwendig. Optimierung als Fürsorge.

Und gleichzeitig sehen wir immer mehr Hunde mit sensibler Verdauung, wiederkehrenden Durchfällen, Schleim im Kot, Unverträglichkeiten – bis hin zu chronischen Themen wie Bauchspeicheldrüsenproblemen.

Die entscheidende Verschiebung liegt deshalb nicht mehr in der Frage, was dem Hund fehlt.

Sondern darin, ob das System längst mit zu viel konfrontiert ist.

Der Denkfehler: Vielfalt als Versorgung

Die Vorstellung, ein Hund müsse möglichst viele unterschiedliche Komponenten bekommen, um „gut versorgt“ zu sein, hält sich hartnäckig.

Immer wieder etwas Neues und immer wieder Variationen.

Doch der Organismus funktioniert nicht nach diesem Prinzip.
Versorgung entsteht nicht durch Vielfalt, sondern durch die Fähigkeit, das Gegebene zu verarbeiten.

Ein System, das sich ständig neu anpassen muss, verliert genau diese Fähigkeit.

Der Darm braucht nicht mehr Reize – er braucht ein verlässliche Grundlage




Der Verdauungstrakt ist kein System, das von Abwechslung lebt.

Er ist auf Wiederholung angewiesen.

Wie ein Fluss, der nur dann ruhig fließen kann, wenn sein Bett klar ist.
Was heute häufig passiert, ist das Gegenteil:
wechselnde Fleischsorten, unterschiedliche Kohlenhydrate, ständig neue Zusätze, veränderte Mengen und Kombinationen.

Für den Körper bedeutet das nicht Bereicherung, sondern dauerhafte Anpassungsleistung und genau dort beginnt die Instabilität.

Nervensystem, Schleimhaut, Darm – eine funktionelle Achse

Diese Instabilität entsteht nicht nur durch das Futter.

Der Darm arbeitet nicht isoliert.
Er ist Teil einer funktionellen Achse aus Nervensystem, Schleimhaut und Verdauung.
Solche Achsen sind keine theoretischen Konstrukte, sondern grundlegende Organisationsprinzipien des Körpers.
Der Organismus arbeitet nicht in Einzelteilen, sondern in miteinander verbundenen Systemen, die sich gegenseitig beeinflussen und regulieren.
Was in einem Bereich geschieht, wirkt immer auch auf die anderen.

Im Fall der Verdauung bedeutet das:
Das Nervensystem steuert Wahrnehmung, Verarbeitung und Reizantwort.

Die Schleimhäute bilden die direkte Grenzfläche zur Umwelt.

Der Darm ist der Ort, an dem Aufnahme, Umwandlung und Weiterverarbeitung stattfinden.
Diese Ebenen greifen ineinander – und sie enden nicht dort.

Denn in diese Achse ist auch die Bauchspeicheldrüse eingebunden.

Sie stellt die enzymatische Grundlage für die Verdauung bereit,
passt sich laufend an und versucht, das auszugleichen, was im System nicht mehr klar läuft.

Reizüberflutung – und ihre Verschiebung im System

Viele Hunde stehen heute nicht nur durch ihre Fütterung unter Druck, sondern durch die Gesamtheit dessen, was täglich auf sie einwirkt.

Zu viele Reize - zu wenig echte Verarbeitung. 





Ständige Ansprache, Erwartungen, Umweltreize, wechselnde Anforderungen – oft ohne Phasen, in denen der Organismus das Erlebte wirklich ordnen kann.

Das Nervensystem nimmt auf, doch es kommt nicht mehr in die Integration.

Und genau hier beginnt die Verschiebung entlang dieser Achse:

Was das Nervensystem nicht ausreichend verarbeiten kann, belastet die Schleimhäute.

Was dort nicht stabil gehalten werden kann, zeigt sich im Darm. Und was der Darm nicht mehr klar regulieren kann, landet eine Ebene tiefer: bei der Bauchspeicheldrüse.

Wenn die Bauchspeicheldrüse kompensieren muss

Die Bauchspeicheldrüse ist dabei kein „erstes“ Organ im Geschehen, sondern häufig das letzte.

Sie reagiert auf das, was vorher bereits aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Sie versucht zu kompensieren, Enzyme anzupassen, Unstimmigkeiten auszugleichen.
Das kann sie lange.

Doch wenn das System dauerhaft überfordert bleibt, zeigt sich genau hier oft der Punkt, an dem es kippt.

Nicht, weil die Bauchspeicheldrüse das Problem ist, sondern weil sie das Ende einer Kette darstellt, die zuvor schon lange unter Spannung stand.

Wenn das System weiter kippt – Durchfall als Ausdruck

Wenn die Belastung im System bestehen bleibt, zeigt sich das nicht nur in subtilen Veränderungen wie wechselnder Kotkonsistenz oder Schleimauflagerungen.

Irgendwann wird die Reaktion deutlicher.

Durchfall ist in diesem Zusammenhang nicht einfach nur ein isoliertes Symptom, sondern häufig ein Hinweis darauf, dass der Organismus an einen Punkt gekommen ist, an dem Regulation nicht mehr ausreicht und in eine Entlastungsreaktion übergeht. Der Körper versucht in diesem Moment nicht mehr zu ordnen, sondern zu begrenzen und auszuleiten.

Ein kurzfristiger Durchfall kann dabei durchaus eine sinnvolle Reaktion sein, etwa auf unverträgliche Bestandteile oder akute Reize. 

In solchen Fällen reguliert sich das System oft wieder, sobald die Belastung wegfällt.

Anders zeigt es sich, wenn Durchfall wiederkehrt, länger anhält oder sich mit anderen Auffälligkeiten verbindet. Dann steht dahinter meist kein einzelner Auslöser mehr, sondern ein System, das insgesamt an Stabilität verloren hat.

In diesem Zustand greift der Organismus nicht mehr auf feine Regulation zurück, sondern auf deutlichere Reaktionen.

Und genau hier wird sichtbar, wie eng alles zusammenhängt:
Was im Nervensystem nicht verarbeitet werden konnte, was in den Schleimhäuten keine stabile Grenze mehr findet, was im Darm nicht mehr klar organisiert werden kann, zeigt sich schließlich in einer Form von Reaktion, die nicht mehr übersehen werden kann.

Durchfall ist dann nicht die Ursache, sondern der Ausdruck eines Systems, das seine Ordnung verloren hat.

Warum konstante Fütterung stabilisiert

Viele Hunde zeigen eine deutliche Verbesserung, sobald die Fütterung einfacher und konstanter wird.
Nicht, weil das Futter plötzlich besser ist.

Sondern weil es gleich bleibt.

Der Organismus kann sich einstellen:

Enzyme passen sich an, die Mikrobiota stabilisiert sich, die Verarbeitung wird effizienter.
Stabilität entsteht nicht durch Vielfalt, sondern durch Wiederholbarkeit.

Und genau an diesem Punkt zeigt sich etwas, das viele zunächst irritiert:

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Hunde unter einem einfachen Diätfutter – sei es als Trocken- oder Nassfutter – zunächst stabiler werden als unter einer sehr individuell zusammengestellten, selbst gekochten Ration.
Nicht, weil dieses Futter im klassischen Sinne „besser“ ist, sondern weil es für den Organismus deutlich einfacher zu verarbeiten ist.





Die Zusammensetzung ist konstant, oft reduziert und in vielen Fällen bereits so aufgeschlossen, dass der Verdauungstrakt weniger leisten muss.
Für ein System, das zuvor ständig gefordert war, bedeutet das vor allem eines:
Entlastung.
Und genau diese Entlastung ist häufig die Voraussetzung dafür, dass sich der Darm überhaupt wieder beruhigen kann.

Erst wenn diese Ruhe wieder vorhanden ist, wird es sinnvoll, über weitere Differenzierung oder Anpassung nachzudenken.

Weniger Komponenten – mehr Wirkung

Ein funktionierender Futterplan ist in der Regel klar aufgebaut.
Oft genügen ein bis zwei Eiweißquellen, eine gut verträgliche Kohlenhydratquelle, wenige Gemüsekomponenten und gezielte Ergänzungen. 

In vielen Fällen ist das bereits ausreichend, um dem System wieder Stabilität zu geben.

Gleichzeitig ist es wichtig, das nicht als starres Konzept zu verstehen.
Nicht jeder Hund braucht Kohlenhydrate, manche kommen besser ohne aus. Bei anderen spielt die Fettverträglichkeit eine größere Rolle, oder es gibt ganz individuelle Besonderheiten im Stoffwechsel, die berücksichtigt werden müssen.
Deshalb lässt sich kein Futterplan pauschal auf jeden Hund übertragen.

Was sich jedoch sehr wohl übertragen lässt, ist das Prinzip dahinter: Einfachheit.

Die Frage ist nicht, wie viele Komponenten enthalten sind, sondern ob das, was gefüttert wird, zum jeweiligen Hund passt und von ihm verarbeitet werden kann.

Und ein weiterer Punkt wird dabei häufig unterschätzt: der Rhythmus.

Ein Organismus ist nicht nur auf passende Inhalte angewiesen, sondern ebenso auf Wiederkehr und Verlässlichkeit. Fütterungszeiten, Abläufe und Strukturen geben dem Körper Orientierung.

Rhythmus schafft Sicherheit.

Er ermöglicht es dem Verdauungssystem, sich vorzubereiten, sich einzustellen und seine Abläufe zu stabilisieren.

Fehlt dieser Rhythmus, entsteht auch bei guter Zusammensetzung schnell wieder Unruhe.
Und genau deshalb gehört beides zusammen: Einfachheit und Rhythmus.

Erst in dieser Kombination kann ein System wirklich zur Ruhe kommen.

Welche Hunde besonders darauf reagieren

Nicht jeder Hund reagiert gleich.

Doch besonders betroffen sind häufig:

  • Hunde mit hoher Reizoffenheit,
  • Tiere mit sensibler Verdauung,
  • ältere Hunde,
  • sowie Hunde mit geringer Regulationsstabilität.

Für sie bedeutet Vielfalt oft nicht Bereicherung, sondern zusätzliche Belastung.

Woher kommt dieser Ansatz?

Dieser Blick auf Fütterung entsteht nicht aus einer einzelnen Theorie, sondern aus dem Zusammenspiel mehrerer Ebenen:

  • aus der tierärztlichen Praxis, in der bei empfindlichen Hunden gezielt mit einfachen, konstanten Futterplänen gearbeitet wird
  • aus Erkenntnissen der Mikrobiota-Forschung, die zeigen, wie stark Stabilität und Wiederholung für die Darmfunktion entscheidend sind,
  • und aus der täglichen Erfahrung mit Hunden, bei denen sich immer wieder dasselbe Muster zeigt:

Je komplexer die Fütterung, desto instabiler wird häufig die Verdauung.
Je klarer und konstanter sie wird, desto mehr beruhigt sich das System.

Ist der Hund damit wirklich ausreichend versorgt?

Diese Frage ist zentral.

Und sie entsteht aus der Annahme, dass Versorgung über Vielfalt hergestellt wird.

Doch der entscheidende Punkt ist ein anderer: Nährstoffe nützen nur dann, wenn sie verarbeitet werden können.

Ein überforderter Darm ist dazu nur eingeschränkt in der Lage – unabhängig davon, wie hochwertig oder vielfältig die Fütterung ist.

Ein klar strukturierter, gut verträglicher Futterplan schafft hingegen die Voraussetzung dafür,
dass Aufnahme überhaupt stattfinden kann.

Versorgung entsteht somit nicht durch Menge oder Vielfalt, sondern durch Verwertbarkeit.

Das Prinzip dahinter

Dieses Zusammenspiel folgt keiner Theorie, sondern einer grundlegenden Gesetzmäßigkeit:
Ein System kann nur so viel aufnehmen, wie es verarbeiten kann.

Wird diese Grenze dauerhaft überschritten, verlagert sich die Belastung entlang der bestehenden Achsen –
von oben nach unten, von Regulation zu Reaktion.

Im Kleinen wie im Großen.

Dieses Prinzip findet sich in vielen Bereichen wieder –in der Physiologie ebenso wie in den alten Naturbeobachtungen, die oft als hermetische Grundgesetze beschrieben wurden.

Was in einer Ebene nicht geordnet werden kann, setzt sich in der nächsten fort.

Zurück zur natürlichen Ordnung

Am Ende führt all das zu einem einfachen, aber entscheidenden Punkt zurück: 

Stabilität entsteht dort, wo Ordnung vorhanden ist – im Körper ebenso wie im Alltag.

Wenn ein System dauerhaft mehr aufnehmen muss, als es verarbeiten kann, verliert es diese Ordnung. Das zeigt sich zunächst im Nervensystem, setzt sich in den Schleimhäuten fort, wird im Darm sichtbar und kann sich schließlich auch in der Bauchspeicheldrüse widerspiegeln.

Der Hund selbst kann diese Ordnung nicht herstellen. Er lebt in dem Rahmen, der ihm gegeben wird, und orientiert sich an dem, was ihm angeboten wird. Damit liegt diese Aufgabe beim Menschen.

Dabei geht es nicht um Kontrolle, sondern um etwas Grundlegenderes: um Halt, Sicherheit und Klarheit.

Das bedeutet in der Praxis, die Dinge wieder zu reduzieren, die den Organismus unnötig in Bewegung halten. Weniger ständige Wechsel in der Fütterung, weniger Reize im Alltag und weniger gut gemeinte Eingriffe, die das System immer wieder neu fordern.

Gleichzeitig braucht es mehr von dem, was Stabilität überhaupt erst möglich macht: 

Verlässlichkeit in den Abläufen, einen klaren Rhythmus, an dem sich der Organismus orientieren kann, und ausreichend Ruhe, damit Verarbeitung überhaupt stattfinden kann.




Das betrifft nicht nur die Fütterung, sondern den gesamten Alltag des Hundes.
Denn genau dort beginnt das, was der Organismus braucht, um wieder in seine eigene Ordnung zurückzufinden.


Und oft zeigt sich dabei etwas sehr Grundsätzliches:

Gesundheit entsteht nicht im ständigen Tun, sondern dort, wo das Zuviel wieder reduziert wird.


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20. März 2026

Schleim im Kot beim Hund – was der Darm damit zeigen will


Schleim im Kot beim Hund – empfindlicher Darm und innere Spannung




Viele Hundehalter erschrecken, wenn sie es zum ersten Mal sehen: Schleim im Kot. Der Kot wirkt glitschig, teilweise durchsichtig überzogen oder verändert in seiner Konsistenz. Oft taucht die Frage auf: Ist mein Hund krank? Doch Schleim im Kot ist in vielen Fällen zunächst kein Zeichen einer schweren Erkrankung, sondern eine Reaktion des Darms. 

Schleim als Schutzreaktion der Darmschleimhaut 

Die Darmschleimhaut ist eine sehr empfindliche Grenzfläche. Sie entscheidet, was in den Körper aufgenommen wird und was nicht. Wenn der Darm gereizt ist, bildet die Schleimhaut vermehrt Schleim. Dieser Schleim wirkt wie eine schützende Schicht. Man kann sich das wie einen Film vorstellen, der sich über die Schleimhaut legt, um sie vor weiterer Reizung zu schützen. Schleim im Kot ist deshalb oft ein Hinweis darauf, dass der Darm versucht, sich selbst zu regulieren.

Empfindlicher Darm beim Hund – Reizung der Darmschleimhaut




Was den Darm reizen kann

Es gibt verschiedene Faktoren, die zu einer Reizung im Darm führen können.
Dazu gehören unter anderem:
– Veränderungen im Futter oder Unverträglichkeiten
– Parasiten wie Giardien
– eine Verschiebung im Gleichgewicht des Darmmikrobioms
– Stress und erhöhte Spannung im Nervensystem
Oft kommen mehrere Faktoren zusammen.
Gerade Giardien werden in diesem Zusammenhang häufig genannt. Viele Hunde tragen sie in sich, ohne dass es zu starken Symptomen kommt. Wenn der Darm jedoch bereits belastet ist, kann das System aus dem Gleichgewicht geraten.

Wenn der Darm unter Spannung steht

Der Darm reagiert nicht nur auf Futter oder äußere Einflüsse, sondern auch auf den Zustand des Nervensystems.
Steht ein Hund über längere Zeit unter innerer Spannung, wirkt sich das auch auf den Bauchraum aus. Die Durchblutung der Darmschleimhaut kann sich verändern, die Beweglichkeit des Darms wird beeinflusst und auch das Darmmikrobiom reagiert sensibel auf solche Zustände.
In diesem Zusammenhang treten häufig auch Bauchgeräusche auf, die viele Hundehalter beobachten.
Diese Geräusche entstehen durch Bewegungen im Darm. Der Darm ist ständig aktiv: Er transportiert Nahrung weiter, mischt sie mit Verdauungssäften und bewegt Gase. Wenn diese Bewegungen verstärkt oder unruhiger ablaufen, werden sie hörbar.
Man kann sich das wie ein Gluckern oder Strömen vorstellen.
Wenn der Darm unter Spannung steht, verändert sich diese Bewegung. Sie kann schneller, unregelmäßiger oder weniger koordiniert sein. Gleichzeitig können sich Gase im Darm anders verteilen oder vermehrt entstehen.
Dadurch werden die Darmgeräusche deutlicher wahrnehmbar.
Bauchgeräusche sind deshalb in vielen Fällen kein eigenständiges Problem, sondern ein Hinweis darauf, dass im Darm gerade etwas in Bewegung ist – oft im Zusammenhang mit Regulation, Reizung oder innerer Spannung.
Dabei ist wichtig zu verstehen:
Nicht jeder Hund zeigt Spannung nach außen.
Manche Hunde wirken ruhig, tragen innerlich jedoch eine hohe Wachheit und Anspannung.


Hund unter innerer Spannung – Einfluss des Nervensystems auf den Darm




Was sich im Alltag zuerst verändern lässt
Wenn Schleim im Kot oder wiederkehrende Bauchgeräusche häufiger auftreten, entsteht schnell der Impuls, sofort am Futter etwas zu verändern oder neue Mittel auszuprobieren.
Doch oft liegt die Ursache nicht ausschließlich im Futter.
Ein erster wichtiger Schritt ist, den Alltag des Hundes zu betrachten.
Der Darm reagiert sehr sensibel auf Rhythmus, Reize und innere Spannung. Deshalb kann es bereits eine große Veränderung bewirken, wenn der Alltag ruhiger und klarer strukturiert wird.

Dazu gehört zum Beispiel:
– weniger wechselnde Reize im Alltag
– klarere Abläufe und wiederkehrende Strukturen
– ausreichend Ruhephasen ohne ständige Ansprache oder Aktivität
– Spaziergänge, die nicht nur aus Reizverarbeitung bestehen, sondern auch Entlastung ermöglichen

Auch die Art der Auslastung spielt eine Rolle. Nicht jeder Hund profitiert von viel Aktivität oder ständig neuen Impulsen. Für viele Hunde ist es wichtiger, dass das Nervensystem wieder in einen ruhigeren Zustand finden kann.
Erst auf dieser Grundlage kann sich auch die Regulation im Darm stabilisieren.
Wenn der Organismus insgesamt weniger unter Spannung steht, verändert sich häufig auch die Situation im Bauchraum – und damit die Reaktion der Darmschleimhaut.
Der Darm zeigt mehr als nur Verdauung. Schleim im Kot ist selten ein isoliertes Problem.
Oft ist er ein Hinweis darauf, dass im Organismus etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist – sei es auf körperlicher Ebene oder im Zusammenspiel von Nervensystem, Umfeld und innerer Regulation.
Der Darm reagiert dabei häufig sehr früh und sehr fein.
Wenn man beginnt, diese Signale nicht nur als Störung zu sehen, sondern als Ausdruck eines Prozesses, verändert sich auch der Blick auf das Symptom.

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6. März 2026

Verdauungsprobleme beim Hund und warum sie heute so häufig geworden sind


Hund mit sichtbarer Anspannung – Verdauungsprobleme beim Hund




Viele Hundehalter kennen das:

Der Hund hat immer wieder Durchfall, Schleim im Kot oder einfach einen empfindlichen Darm und plötzlich wird das Futter nicht mehr vertragen.

Verdauungsprobleme gehören inzwischen zu den häufigsten gesundheitlichen Themen beim Hund. In vielen Fällen wird dann das Futter gewechselt, es werden verschiedene Ergänzungen ausprobiert oder der Darm soll mit unterschiedlichen Präparaten „aufgebaut“ werden.

Doch oft bleibt eine grundlegende Frage unbeantwortet:
Warum reagiert der Darm überhaupt so empfindlich?

Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Natur des Hundes und auf die Bedingungen, unter denen viele Hunde heute leben.

Der Darm als sensibles Regulationsorgan

Der Darm ist nicht nur ein Verdauungsorgan. Er ist auch ein wichtiges Regulationsorgan im Körper.
Im Darm befindet sich ein eigenes Nervensystem – das sogenannte enterische Nervensystem. Es steht in enger Verbindung mit dem gesamten Nervensystem des Körpers und reagiert sehr fein auf Veränderungen im inneren und äußeren Umfeld.
Deshalb gehört der Darm zu den Organen, die besonders schnell reagieren, wenn ein Organismus unter Spannung steht.

Auch das Darmmikrobiom spielt dabei eine wichtige Rolle. 

Es bildet ein empfindliches Gleichgewicht aus vielen verschiedenen Mikroorganismen, das auf Veränderungen im Organismus unmittelbar reagieren kann. Gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance, zeigt sich das häufig zuerst über die Verdauung.

Warum das Nervensystem des Hundes so schnell reagiert

Viele Hunde leben heute in einer Welt, die für ihr Nervensystem sehr dicht und reizintensiv geworden ist.
Sie begleiten ihre Menschen überallhin – in die Stadt, in Restaurants, auf Reisen oder zu verschiedenen Aktivitäten im Alltag. Gleichzeitig sollen sie häufig sportlich ausgelastet werden, Training absolvieren oder verschiedene Beschäftigungsformen mitmachen.
Für manche Hunde passt das gut.
Für andere bedeutet es eine dauerhafte Reizbelastung.
Hinzu kommt, dass unterschiedliche Hunde sehr verschiedene nervliche Voraussetzungen mitbringen. Rasse, genetische Veranlagung und individueller Hundetyp spielen dabei eine wichtige Rolle.
Ein sensibler, hochwacher Hund verarbeitet Reize oft ganz anders als ein eher ruhiger und stabiler Typ.

Wenn Spannung den Bauchraum erreicht

Ein weiterer Faktor wird häufig unterschätzt:
Hunde leben sehr eng im Umfeld und im Spannungsfeld des Menschen.
Sie nehmen Stimmungen, Veränderungen und Spannungen in ihrem Umfeld unmittelbar wahr. Je nach Veranlagung kann ein Hund diese Einflüsse sehr stark aufnehmen.
Manche Hunde zeigen das durch sichtbare Unruhe oder Nervosität. Andere wirken äußerlich ruhig, stehen innerlich jedoch trotzdem unter Spannung.
Gerade der Bauchraum reagiert auf solche Zustände besonders empfindlich.
Wenn das Nervensystem über längere Zeit in erhöhter Wachheit bleibt, verändert sich auch die Regulation im Bauchraum. Die Muskulatur im Bauch kann unter Spannung stehen, die Durchblutung der Darmschleimhäute verändert sich, und auch das empfindliche Gleichgewicht des Darmmikrobioms kann leichter aus der Balance geraten.
Der Darm versucht dann zu regulieren.
Manchmal zeigt sich das durch weichen Kot oder Durchfall.
Manchmal durch Schleim im Kot oder eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Futtermitteln.
In vielen Fällen ist das zunächst kein Zeichen einer schweren Erkrankung, sondern Ausdruck davon, dass der Organismus versucht, wieder in Balance zu kommen.
Deshalb lohnt es sich bei Verdauungsproblemen nicht nur auf das Futter zu schauen. Ebenso wichtig ist die Frage, wie viel Spannung ein Hund in seinem Alltag trägt – und ob sein Organismus noch genügend Raum für Regulation findet.
Der Darm erzählt in solchen Situationen oft eine Geschichte, die weit über die reine Verdauung hinausgeht.
Eine Frage, die viele Hundehalter beschäftigt
Eine Erscheinung, die bei Verdauungsproblemen besonders häufig beobachtet wird, ist Schleim im Kot. Viele Hundehalter erschrecken, wenn sie das zum ersten Mal sehen.
Doch Schleim ist häufig eine Schutzreaktion der Darmschleimhaut und kann verschiedene Ursachen haben.